Arbeiten 4.0

Die Herausforderungen eines digitalisierten Arbeitsmarktes

Auch die Arbeitswelt entwickelt sich immer weiter. Digitalisierung heißt das Stichwort.


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1 Schöne neue (Arbeits-)Welt

Der eine oder andere erinnert sich möglicherweise noch an den Hanna-Barbera-Klassiker „Die Jetsons“, jene Zeichentrick-Familie, die seit den 1960ern dem Fernsehpublikum die technischen Annehmlichkeiten der etwas ferneren Zukunft schmackhaft machte. Neben Haushaltsrobotern und fliegenden Fortbewegungsmitteln gehörten dazu auch weit entwickelte künstliche Intelligenzen, die eine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit auf wenige Stunden ermöglichten.

Zugegeben, davon ist der heutige Arbeitsmarkt sicher noch weit entfernt. Richtig ist hingegen, dass die Auswirkungen des technologischen Fortschritts auf die Arbeitswelt unserer Tage nicht von der Hand zu weisen sind. Automatisierung und Digitalisierung sind die bestimmenden Themen, wenn es um die Herausforderungen für die Erwerbsarbeit im 21. Jahrhundert geht. Die wichtigsten Fragen, die sich hiernach stellen, lauten: Wie entwickelt sich Arbeit im digitalen Zeitalter? Welche Konsequenzen hat die fortschreitende Digitalisierung für Menschen und die verschiedenen Branchen?

2 Die Arbeit in der digitalen Welt

a. Arbeiten 4.0 – Darum geht es
Dass der technologische Fortschritt, der im Grunde ja alle gesellschaftlichen Bereiche betrifft, auch für einen Wandel des Arbeitsmarktes sorgt, ist eine nicht zu leugnende Tatsache. Der sektorale Wandel, der sich beispielsweise durch die zunehmende Automatisierung in der Industrie abzeichnet, ist eine der Folgen des vernetzten Arbeitens. Dieser Zustand ist aber keineswegs das Ende einer progressiven Entwicklung vom Beginn der Industrialisierung bis heute.

Daher soll mit „Arbeit 4.0“, in Analogie zur Industrie 4.0, auch keineswegs der aktuelle Status Quo umschrieben werden. Vielmehr ist der Begriff Ausdruck der Prozesshaftigkeit, deren zukünftige Gestalt noch nicht abzuschätzen ist. Natürlich lassen sich bestimmte Tendenzen erkennen, wie sie unter anderem der Münchner Kreis in seinem Ergebnispapier „Arbeit in der digitalen Welt“ zusammengefasst hat:

  • Mit Hilfe von intelligenten, digital unterstützen Tools und Technologien ist eine effizientere Organisation bisheriger Arbeitsprozesse möglich.
  • Solche Tools wirken sich auch in zeitlichen, örtlichen und inhaltlichen Aspekten auf Arbeitsabläufe aus, so dass in der Folge wesentlich flexiblere, neue Arbeitsmodelle entstehen können.
  • Veränderungen zeichnen sich ebenso bei den Berufsfeldern im mittleren Qualifikations- und Lohnniveau ab – hier wird langfristig in noch stärkerem Maß Automatisierung und Rationalisierung Einzug halten, die durch die Digitalisierung ermöglicht werden. Dem somit zu erwartenden Bedeutungsverlust steht ein gegenteiliger Trend am unteren und oberen Qualifikationsrand entgegen. In den schwer zu automatisierenden Berufsfeldern, die auch von der Erfahrung der dort arbeitenden Menschen profitieren, könnten stattdessen gänzlich neue Tätigkeitsfelder entstehen.
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Durch die Digitalisierung werden somit in vielen Bereichen der Arbeitswelt neue Möglichkeiten eröffnet. Die zunehmende Vernetzung erleichtert beispielsweise den Zugriff auf verschiedenste Ressourcen und Hilfsmittel: Daten, Informationen, Arbeitspartner lassen sich weltweit, über alle Grenzen hinweg wesentlich leichter erreichen.

b. Der Wandel der Beschäftigung: Polarisierungstendenzen auf dem deutschen Arbeitsmarkt
Eine auch von der Politik vielfach aufgegriffene Folge des technologischen Fortschritts sind die möglichen Polarisierungstendenzen auf dem Arbeitsmarkt, also die wahrgenommenen oder tatsächlichen Ungleichheiten bei der Lohn- und Einkommensverteilung. Dazu gehören aber auch die eben erwähnten Befürchtungen, dass gerade die immer größere Bedeutung von Technologie für den mittleren Qualifikationsbereich einen Verlust von Beschäftigungsmöglichkeiten bedeuten könnte.

Eine Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem vergangenen Jahr, die sich explizit mit derartigen Polarisierungen des Arbeitsmarktes beschäftigt, kommt allerdings zu einem anderen Ergebnis: Im Vergleich mit den unteren und oberen Qualifikationen, die zum Teil eine sehr positive Entwicklung aufweisen, schneidet der mittlere Bereich zwar wesentlich schlechter ab, die befürchtet großen Beschäftigungsverluste sind bislang aber genauso wenig eingetreten.

Insgesamt lässt sich die Entwicklung der Löhne, Beschäftigungen und Bildungsnachfrage mit „heterogen“ beschreiben. Unterschiedlich stark sind auch die vielbeschworenen Veränderungen durch den technologischen Wandel je nach Tätigkeit oder Bildungsgrad. Das Zwischenfazit der Studie lautet dementsprechend: „Der Begriff der Polarisierung wird daher den Entwicklungen in Deutschland nur sehr beschränkt gerecht.“ Ähnlich fällt das Ergebnis für eventuelle Zusammenhänge zwischen einem polarisierten deutschen Arbeitsmarkt und Globalisierungstendenzen aus.

Insofern lässt sich der derzeitige Zustand des Arbeitsmarktes durch den ökonomischen Strukturwandel erklären. Politische Einwirkungsmöglichkeiten, falls überhaupt notwendig, liegen hauptsächlich im Bereich von Tarifverträgen, Mindestlöhnen und Ausbildungssystemen. Insbesondere letztere können perspektivisch für eine qualifiziertere Vorbereitung auf die Anforderungen des Arbeitsmarktes 4.0 und somit für eine positive Entwicklung der Beschäftigung sorgen.

c. Das Ende der Arbeit?
Eine gänzlich andere Prognose stellten Carl Benedikt Frey und Michael Osborne von der Oxford University in ihrer Studie zur Zukunft der Arbeit mit dem Schwerpunkt amerikanischer Arbeitsmarkt vor (hier nachzulesen im englischen Original). Das Ergebnis ihrer Untersuchung von 702 Berufen: Fast die Hälfte der Amerikaner gehen Beschäftigungen nach, die in den kommenden zehn bis 20 Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit im Zuge der Digitalisierung und Automatisierung verloren gehen könnten.

Ihre These schließt dabei nicht nur den mittleren Qualifikationsbereich ein, sondern gleichermaßen auch Tätigkeiten des Niedriglohnsektors. Dadurch wäre das Polarisierungspotential des neuen Arbeitsmarktes sogar noch einmal größer, weil wesentlich mehr Beschäftigte betroffen wären. Das prophezeite Ende der Arbeit lässt sich allerdings bei einem Transfer auf die Entwicklungen des deutschen Arbeitsmarktes so nicht bestätigen.

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Das ist das Ergebnis einer Gegenstudie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, die im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales erstellt wurde. Kritisch betrachtet wird hierin unter anderem Frey und Osbornes Überschätzung des technischen Automatisierungspotentials. Als schwierig für konkrete Prognosen erweist sich zudem die Gleichsetzung dieses Potentials mit der tatsächlichen Automatisierungsrate innerhalb von ökonomischen Prozessen.

Zu berücksichtigen ist weiterhin die Möglichkeit, dass durch neue Technologien ebenso neue Arbeitsplätze überhaupt erst entstehen oder sich bestehende Berufe durch die neuen Anforderungen lediglich verändern, ohne jedoch gänzlich zu verschwinden. Die von Frey und Osborne aufgezeigte Automatisierungswahrscheinlichkeit liefert jedoch immerhin Hinweise darauf, in welchen Berufsfeldern zukünftig mit größeren Anpassungen bezüglich der Qualifikationen gerechnet werden muss.

d. Gesundheitsmonitor digitale Arbeitswelt
Unter dem Begriff der digitalen Arbeit kann sicherlich nicht allein der Grad der Technisierung verstanden werden, sondern vielmehr auch der daraus folgende Umgang mit Informationen, der sich durch die weitreichenden Möglichkeiten der Vernetzung in den letzten Jahrzehnten noch einmal deutlich verändert hat. Zu diesen Veränderungen zählt unter anderem das Phänomen der Entgrenzung. Mit diesem abstrakten Begriff wird die Tendenz einer Auflösung der bisherigen zeitlichen, räumlichen und inhaltlichen Grenzen von Arbeit beschrieben, also beispielsweise der Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben, bedingt durch die ständige Erreichbarkeit in einer vernetzten Welt.

Positiv formuliert ergibt sich daraus ein in vielerlei Hinsicht flexiblerer Arbeitsmarkt. Die ehemals starre Fixierung auf feste Orte und Zeiten ist für Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen eine Chance – erstere können diese zur Effizienzsteigerung und Kostensenkung nutzen, letztere die räumlichen und zeitlichen Rahmenbedingungen wesentlich freier gestalten.

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In dieser größeren Flexibilität liegen aber auch gesundheitliche Gefahren, wie Prof. Dr. Antje Ducki 2013 auf dem Kongress des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen aufzeigte. Stressfaktoren, die sich langfristig auf den psychischen Zustand auswirken sind demnach vor allem die gleichzeitige Betreuung verschiedener Aufgaben, der Termin- und Leistungsdruck und Störungen bei der Arbeit. Erschwerend kommt ein Gefühl der Unsicherheit hinsichtlich der beruflichen Perspektiven hinzu.

Daraus entstehen verschiedene Beschwerden und Krankheitsbilder. Diese reichen von Erschöpfung und Lustlosigkeit – also dem, was allgemeinhin als Burnout beschrieben wird – über Schlafstörungen, Wut, Nervosität, Reizbarkeit und Niedergeschlagenheit bis hin zu Kopfschmerzen. Womöglich werden diese Symptome noch durch die Form der Mobilität verstärkt: Tägliches Pendeln beispielsweise kann leicht den Stresspegel noch erhöhen, während Wochenpendler durch die räumliche Trennung von der Familie oder Lebenspartnern das Gefühl der sozialen Entwurzelung spüren.

Eine solche Entwicklung kann schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht im Sinn der Unternehmen sein, denn kranke Mitarbeiter sind außerstande, die gewünschten Leistungen zu erbringen. Somit ergeben sich aus Sicht des Unternehmens zwei Handlungsfelder – zum einen Maßnahmen zur Veränderung der Arbeitsbedingungen (Verhältnisprävention), zum anderen die Stärkung der Mitarbeiter (Verhaltensprävention).

Konkret könnten in diesem Zusammenhang zum Beispiel die Aufgabenverteilung den individuellen Voraussetzungen angepasst, die Partizipation bei der Arbeitsplanung gefördert oder Qualifikationsangebote unterbreitet werden. Nur durch eine sinnvolle Gestaltung kann digitale Arbeit als gesunde Arbeit das oben beschriebene Potential wirklich ausschöpfen.

e. Thesen für den Arbeitsmarkt der Zukunft
Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist natürlich nur einer der Trends, die die weitere Entwicklung des Arbeitsmarktes in Zukunft prägen werden. Die Globalisierung ist in dieser Hinsicht ebenso weiterhin ein Thema wie die Auswirkungen des demografischen Wandels. Wie genau sich der Broterwerb im Rahmen der Arbeit 4.0 darstellen wird, lässt sich in Anbetracht der Geschwindigkeit etwa des technologischen Fortschritts bestenfalls erahnen. Der Arbeitskreis „Arbeit und Leben“ hat daher verschiedene Thesen zum zukünftigen Gesicht der Erwerbsarbeit geprüft.

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Erörtert wurden unter anderem die zeitlichen Rahmenbedingungen zukünftiger Arbeit. Die Schwierigkeiten berufstätiger Paare mit Kind, also zum Beispiel die problematische Vereinbarkeit von zwei Vollverdienern mit der Kinderbetreuung, machen die Arbeitszeitpolitik zu einem zentralen Faktor. Während die Problemfelder – so etwa die Gleichverteilung von Erwerbsarbeit und Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen und die möglichen negativen Folgen von Ehegattensplitting und Minijobs – einen Konsens fanden, waren die Lösungswege wie der Vorschlag einer Familienarbeitszeit durchaus Anlass zu Kontroversen.

Ein demokratischerer Arbeitsmarkt bedarf ebenfalls erst der nötigen Voraussetzungen. Betont wurde in diesem Zusammenhang der Unterschied zwischen Partizipation und Demokratie. Gerade die Bemühungen um letztere seien in der jüngeren Vergangenheit eher zurückgegangen. Das gilt unter anderem für den Zugang von Menschen mit Einschränkungen in die heutige Arbeitswelt – eine Nichtberücksichtigung in Folge gestiegener Effizienzanforderungen entspräche dabei nicht dem demokratischen Grundgedanken.

Unter dem Stichwort der Vielfältigkeit wurden auch die schon eingangs erwähnten Polarisierungsbefürchtungen thematisiert. Einer freieren Gestaltung in Arbeitsfeldern mit „humanistischer Qualität“, in denen es unter anderem auf die Befähigung zu Innovation und künstlerischem Schaffen ankomme, stünde möglicherweise ein größer werdender Anteil prekärer Arbeiten gegenüber. Insgesamt verdeutlichen die behandelten Thesen die Notwendigkeit einer aktiven Gestaltung des Arbeitsmarkts der Zukunft, in dem der Mensch im Zentrum steht.

3 Der Umgang mit der digitalisierten Arbeitswelt – Einige Beispiele

a. Beispiel Bankenwesen
Wie in so vielen Bereichen von Wirtschaft, Industrie und Dienstleistungsgewerbe sind auch im Bankensektor die Auswirkungen der wachsenden Bedeutung digitaler Kommunikationswege schon seit den 1990er Jahren zu spüren. Das äußert sich beispielsweise in einer stetig steigenden Zahl von Direktbankkunden, die sich allein seit der Jahrtausendwende bis zum Jahr 2012 auf etwa 16 Millionen vervierfacht hat.

Im Vergleich zum Filialbankmodell ergeben sich aus der Verlagerung der Geschäftsabwicklung zu einem fast ausschließlichen Online-Dialog mit den Kunden besonders strukturelle Vorteile: Alleine durch den möglichen Verzicht auf Bankfilialen mit einer entsprechenden personellen Besetzung lassen sich viele Kosten einsparen. Angesichts der anhaltenden Niedrigzinsperiode als einer der aktuellen Gründe für notwendige Kostensenkungen ist eine stärkere Hinwendung zu einer digitalen Präsenz daher auch für konventionelle Geschäftsbanken eine Option für die Zukunft.

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Denn der Trend beim Online-Banking entwickelt sich ganz ähnlich zu den steigenden Zahlen der Direktbankkunden, im letzten Jahr lag die Anzahl der deutschen Nutzer bei rund 40 Millionen – das entspricht ebenfalls fast einer Vervierfachung seit 2004. Dennoch, so das Ergebnis einer Studie von Mike Baxter und Dirk Vater zur Zukunft der Retail-Banken, wird die Digitalisierung von Banktransaktionen vielfach als bloßes Mittel zur Kostensenkung betrachtet. Das volle Potential, beispielsweise durch eine innovative, kundenorientierte Einbindung von mobilen Geräten, werde hingegen selten ausgeschöpft.

Dabei gibt es durchaus eine Vielzahl an Wegen, das Banking für Kunden über verschiedene Kommunikationskanäle zu ermöglichen, sei es durch speziell eingerichtete Plattformen zur Verwaltung von Bankprodukten, auf die immer und überall zugegriffen werden kann, oder durch eine Umwandlung des Filialnetzes mit einem sehr viel größeren Schwerpunkt auf der Nutzung digitaler Kommunikationswege anstelle des sonst üblichen Servicepersonals. Die Kundenerwartungen und der technologische Wandel werden in Zukunft jedoch gleichermaßen zu Veränderungen von Strukturen und Produkten in der Finanzbranche führen.

b. Beispiel Öffentlicher Dienst
Ganz ähnlich wie im Bankensektor gestaltet sich die Lage im öffentlichen Dienst. Auch in der Verwaltung besteht hinsichtlich der oft noch manuellen oder technisch unzeitgemäßen Arbeitsprozesse die Notwendigkeit zur Modernisierung. Nur so kann die Effizienz zur allgemeinen Zufriedenheit von Mitarbeitern und Bürgern gesteigert werden, mit dem positiven Nebeneffekt einer Kostenreduzierung.

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Möglichkeiten für dahingehende Veränderungen zum E-Government gibt es viele, sie beschränken sich nicht allein auf Bürgerportale, elektronische Archivierung oder digitales Dokumentenmanagement. Abgesehen von Investitionen in den IT-Bereich der öffentlichen Verwaltung sind aber auch generelle Umstrukturierungen von Nöten. Eine stärkere Nutzung neuer Technologien allein ist nicht ausreichend für die Optimierung von Verwaltungsvorgängen, zusätzlich könnte die Bündelung von Arbeitsbereichen mit ähnlichen Funktionen in diesem Punkt helfen. Das ist auch in Anbetracht der wachsenden Datenmengen, die eben auch für den öffentlichen Dienst anfallen werden, sinnvoll.

Problematisch gestaltet sich allerdings die tatsächliche Umsetzung. Das liegt nicht nur an mangelnden finanziellen Mitteln, sondern oftmals an einer mangelnden Anpassung der Regularien oder der verwendeten Software, wie die Erfahrungen von Beschäftigten im öffentlichen Dienst aufzeigen. Der Umgang mit den Schwierigkeiten in der Praxis, etwa das Verschicken von Dokumenten von privaten Geräten oder E-Mailaccounts, bedeutet oftmals einen Verstoß gegen bestehende Regeln und Datenschutzgesetze. Die Ansprüche der Bürger, der Wunsch der Mitarbeiter nach besserer Kundenorientierung und die verfügbaren Mittel weisen für viele Prozesse eine zu große Diskrepanz auf.

Immerhin ist die Ausweitung von E-Government ein fester Bestandteil der digitalen Agenda der Bundesregierung. Dennoch bleibt fraglich, wie sehr sich die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung dadurch beschleunigt. Notwendig wäre sie nicht nur aus Effizienzgründen, sondern ebenso um den öffentlichen Dienst für junge Bewerber zu einem attraktiven Arbeitsumfeld zu machen.

c. Beispiel Industrie 4.0

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(Foto: fotolia.com © Mimi Potter)

Im Industriesektor finden digitale Technologien eine sehr viel breitere Anwendung als in den beiden oben beschriebenen Branchen. Im Sinne des wirtschaftlichen Wettbewerbs sind sie gewissermaßen eine Notwendigkeit, denn sie ermöglichen deutlich flexiblere, schnellere und kosteneffizientere Produktionsabläufe. Der stärkere Einsatz von Automatisierungs- und Robotertechnik wirkt sich wiederum auf die beruflichen Voraussetzungen für Erwerbstätige aus – schon jetzt ist der Bedarf an IT-Qualifikationen sehr groß.

Daher werden IT-Kernberufe, also etwa in der Datenverarbeitung, Informatik und Softwareentwicklung, zunehmend zum Ziel von Berufswechslern aus ähnlichen Tätigkeitsfeldern. Laut Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung zum Thema „IT-Berufe und IT-Kompetenzen in der Industrie 4.0“ ist dieser Zustrom eine Möglichkeit, den stetig wachsenden Bedarf an Arbeitskräften mit entsprechenden Kompetenzen zu decken. Das gilt auch für die durch die steigenden Studierendenzahlen prognostizierten nachrückenden Fachkräfte mit akademischer Ausbildung.

Die möglichen Folgen für die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt bildet eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, hier einzusehen in der Kurzfassung, mit Hilfe von fünf Teil-Szenarien ab:

  • Teil-Szenario 1: Ausrüstungsinvestitionen
    Angenommen wird eine jährliche Steigerung der notwendigen Investitionen für den Umbau im Sinne der Industrie 4.0.
  • Teil-Szenario 2: Bauinvestitionen
    Darunter fällt der Ausbau des Breitbandnetzes, der bis 2018 eine flächendeckende Versorgung der deutschen Haushalte mit mindestens 50 Megabit/Sekunde vorsieht.
  • Teil-Szenario 3: Material- und Personalaufwand
    Hier stehen Kostensteigerungen im Bereich der Mitarbeiterweiterbildung und die Investitionen für die Digitalisierung des Verarbeitenden Gewerbes den möglichen Kostensenkungen durch weniger Material- und Personalaufwand gegenüber.
  • Teil-Szenario 4: Berufsfeldstruktur
    Die Neuorganisation eines Berufsfelds der Industrie 4.0 ist abhängig vom Anteil der Nicht-Routine-Tätigkeiten, insgesamt wird aber eine leichte Steigerung der Arbeitsproduktivität erwartet.
  • Teil-Szenario 5: Nachfrage
    Bei Exporten von Maschinen und Messtechnik ist laut Studie die Verzögerung der Entwicklung zur Industrie 4.0 im Ausland zu berücksichtigen. Für das verarbeitende Gewerbe wird, bedingt durch die größeren Möglichkeiten der Individualisierung der Produkte, eine gesteigerte Nachfrage erwartet.

Für den Arbeitsmarkt bedeuten diese Prognosen zunächst einmal nicht den befürchteten massiven Arbeitsplatzabbau. Stattdessen wird mit einer Umschichtung von Arbeitsplätzen gerechnet, bei der vor allem eben IT-Berufe, insbesondere mit einer akademischen Qualifizierung, stärker gefragt sind. Herausforderungen entstehen durch die Industrie 4.0 unter anderem im Hinblick auf die Möglichkeiten der beruflichen Qualifizierung und der betrieblichen Weiterbildung, beim Arbeits- und Gesundheitsschutz, der betrieblichen Mitbestimmung, der sozialen Absicherung und dem Datenschutz.

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(Foto: fotolia.com © contrastwerkstatt)

4 Flexiblerer Arbeitsmarkt, flexiblere Arbeitnehmer

Die Veränderungen der Arbeitswelt hin zum Arbeiten 4.0 sind ebenso wenig aufzuhalten wie der technologische Fortschritt, der ihnen zugrunde liegt. Wie weitreichend der Einfluss der Digitalisierung insgesamt letztendlich werden wird, ist nach wie vor kaum exakt vorherzusagen, wenngleich sich beispielsweise im Industriesektor und vielen anderen Tätigkeitsfeldern Tendenzen ausmachen lassen.

Für Erwerbstätige und zukünftige Erwerbstätige werden die Anpassungen an den veränderten Arbeitsmarkt nicht nur zu einer Herausforderung, sondern zu einer Notwendigkeit. Das flexiblere Arbeiten 4.0 erfordert dieselbe Flexibilität von den Arbeitnehmern. Erworbene Qualifikationen und Kompetenzen können, vielleicht weniger als jemals zuvor, als ausreichender Status Quo betrachtet werden. Vielmehr gilt es, auch während des Erwerbslebens den immer neu entstehenden Anforderungen zum Beispiel im Zuge betrieblicher Weiterbildungsmaßnahmen zu begegnen.