Berufsgesundheit

Der gesunde Arbeitsplatz

Nahezu jeder Beruf ist für die Ausübenden über kurz oder lang mit gesundheitlichen Problemen verbunden. Der Kampf gegen Rückenschmerzen und Co. ist deshalb eine Daueraufgabe, vor der auch Arbeitgeber nicht mehr die Augen verschließen können.


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(Foto: fotolia.com © Production Perig)

Deutschland ächzt und stöhnt. Aber nicht etwa unter einer ausgedehnten Hitzewelle, sondern den Auswirkungen des Berufs: Einseitige Haltungen, Bewegungsmangel, Dauerstress: Diese Kombination von Belastungsfaktoren führt dazu, dass längst nicht mehr nur körperlich anspruchsvolle Arbeitsplätze auf Dauer verschleißen. Los geht es schon bei klassischen Bürojobs: Wer acht Stunden oder länger pro Tag in sitzender Haltung verbringt, schädigt bei falscher Haltung genauso schnell seinen Bewegungsapparat, wie ein Maurer, der Steine schleppen muss – bloß dass beim Büroarbeiter andere Zonen betroffen sind. Und worin sich die meisten Berufe auch noch ähnlich sind: Die Einzelbelastung für den Arbeiter ist heute sehr viel größer geworden: Stellen werden wegrationalisiert, Abläufe gestrafft und vieles „auf Kante genäht“. Das führt zu größerer mentaler Belastung des Einzelnen und, sofern nicht mit ausreichend Freizeit gegengearbeitet wird, zu sich summierendem Stress und damit letztendlich der Erstwelt-Volkskrankheit des 21. Jahrhunderts: Burnout.

Leider herrscht in vielen Firmen noch die Ansicht, dass Mitarbeiter-Gesundheit ein Problem der Angestellten sei: Seine physische und psychische Arbeitskraft zu erhalten sehen viele Chefs als Bringschuld ihrer Mitarbeiter an. Dass sich aber zwischen Dauer-Überstunden und Projektstress nicht auch noch im Feierabend ein ausgewogenes Fitnessprogramm absolvieren lässt, ist angesichts der arbeitstechnischen Realitäten des Jahres 2016 traurige Tatsache. Die Lösung müssen daher Hand-in-Hand-Projekte zwischen Arbeitnehmer und –geber sein. Um was es sich dabei dreht, erklärt der folgende Artikel.

1 - Veränderte Bedürfnisse in einer sich wandelnden Arbeitswelt


Doch um Lösungen zu präsentieren, muss zunächst das Problem tiefergehend analysiert werden. Denn mit der bloßen Erklärung „Arbeit 2016 sorgt für Stress und körperliche Beschwerden“ ist es noch längst nicht getan.

1.1 - Am Samstag gehört Papi mir – Gilt das noch?

1.1.1 - Geschichtliches

Zwei Tage freies Wochenende. Was heute eigentlich selbstverständlich klingt, war in den Kindertagen der Bundesrepublik für die meisten Arbeitnehmer ein Traum: Damals galt die Sechstagewoche. Deswegen kämpfte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) ab 1954 darum, dass das Wochenende auf zwei Tage ausgedehnt wurde: „ …sehr viel stärker stand damals eher ein alltagskultureller Aspekt im Vordergrund der Argumentation, nämlich der der Familienpolitik, Freizeitpolitik, Lebensqualität zu schaffen durch eine Verkürzung der Arbeitszeit.“

Eines der Plakate der DGB-Kampagne von damals hält sich im kollektiven Gedächtnis hartnäckig: Es zeigte einen kleinen Jungen. Darüber die Aussage: „Samstags gehört Vati mir“. Und trotz aller Unkenrufe der Arbeitgeber setzte sich die Forderung auch durch: Ab 1957 wurde zunächst in der Metallbranche, dann sukzessive in allen Berufen die 40-Stunden-Woche Standard.

1.1.2 - Und heute?

Auch heute noch gilt qua Arbeitsgesetz: „Die werktägliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer darf acht Stunden nicht überschreiten“. In der Breite liegt die Wochenarbeitszeit mit durchschnittlich 37,7 Stunden darunter, wie der DGB selbst meldet. Jedoch schönen diese Zahlen die Realität: Besonders in gehobenen Positionen können Angestellte über solche sub-40-Stunden Werte nur müde lächeln: Hier sind 45 und mehr Stunden pro Woche eher die Regel, denn die Ausnahme. Bis 2008 war das sogar gesetzlich sauber möglich: EU-Ausnahmeregelungen erlaubten bis zu 78 Stunden pro Woche. Dann deckelte Brüssel immerhin bei 48 Wochenstunden.

Bloß: Wo Samstags- und Sonntagsarbeit in der Industrie mit ihren Schichtsystemen schon immer Gang und Gäbe war, kommen heute manche normale Mitarbeiter am Wochenende ins Büro oder werfen zuhause den Computer an, um das nachzuholen, was unter der Woche aufgrund der hohen Einzelbelastung nicht geschafft werden konnte – bloß nicht offiziell, wobei die Anstiege seit der Wende mild waren. Zudem: Insgesamt gesehen, sind die Arbeitszeiten heute noch vergleichsweise human:

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1.2 - Mit 50 in Kur, mit 55 in Frührente

1.2.1 - Kaputtmacher Stress

Für Körper und Geist ist Überbelastung pures Gift: Denn hier gilt die Waage von Stress und Stressabbau: Arbeitsbelastung erzeugt immer Stress – dem höchsten Bereitschaftsstatus des Körpers mit wachen Sinnen und angespannten Muskeln. Diesem Stress muss eine ausreichende Freizeit entgegenstehen, um ihn wieder abzubauen. Und mit Werten wie der 40-Stunden-Woche sowie freien Wochenenden lässt sich diese Balance auch von den meisten gut halten.

Kritisch wird es jedoch, wenn über längere Zeiträume mehr gearbeitet wird: Kurzzeitige Belastung kann der Körper abfedern, wenn er nach einer Stressphase mehr Ruhezeit bekommt. Wird jedoch diese Ruhe verwehrt, bleibt Rest-Stress übrig. Und dieser summiert sich immer mehr, je weniger Entspannungsphasen vorhanden sind. Und hier kommt Burnout ins Spiel.

1.2.2 - Muskeln und Knochen

Doch nicht nur Stress ist für Ausfälle verantwortlich, sondern auch unser Bewegungsapparat: Evolutionär gesehen sind wir dafür prädestiniert, uns im Tagesverlauf immer wieder zu bewegen und in andere Positionen zu bringen. Heute sind wir von diesem Optimum jedoch so weit entfernt, dass ein Artikel gar titelte, der Mensch lebt nicht mehr artgerecht: In praktisch jedem Bürojob ist man gezwungen, eine zu große Dauer in einer sitzenden Haltung zu verbringen.

Umgekehrt haben aber auch bewegungsintensive Jobs keine Vorteile. Sie verlagern die Beschwerden nur in andere Körperteile. Man denke an Fliesenleger, die täglich Stunden auf ihren Knien verbringen, Automechaniker, die stundenlang über Kopf arbeiten müssen oder Paketfahrer, die immer wieder aus sitzender Haltung aufspringen und schwere Gewichte heben müssen.

In der Summe sorgt das für Ausfälle en Masse: Gerade im Handwerk sind viele Arbeiter in ihren frühen 50ern schon so verschlissen, dass sie nicht mehr effektiv arbeiten können. Es folgen Kuraufenthalte. Doch diese können meist nur die Symptome und nicht lebenslange Falschhaltungen lindern. Am Ende stehen dann 55-jährige Frührentner – und das hätte in den meisten Fällen durch effektive Gegenmaßnahmen während des Berufslebens verhindert werden können.

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2 - Von den (Bewegungs-)Tücken im Berufsalltag

Und egal, welchen Beruf man sich anschaut, es ist immer wieder der Rücken, der die meisten Probleme verursacht. Kein Wunder, denn er ist der Mittelpunkt des Skeletts. An der Wirbelsäule sind alle Extremitäten befestigt, sodass hier die größte Belastung anliegt.

2.1 - Die Last mit der Last – Wann der Rücken beansprucht wird

2.1.1 - Keine Pause für den Rücken

Wer neutral an das Thema Rückenbeanspruchung herangeht, der könnte glauben, dass dabei gilt: Je körperlicher und physisch anstrengender der Beruf, desto größer das Rückenleiden. Fakt ist jedoch: Praktisch jeder Beruf belastet den Rücken, nur eben unterschiedlich:

• Wo schwer gehoben werden muss, sind meist der mittlere Rücken sowie die Schulterpartie betroffen.
• Bei über-Kopf-Arbeiten werden Nacken und Schulterbereich über Gebühr belastet.
• Büroarbeiten belasten den gesamten Rücken.

2.1.2 - Schadensbilder

Doch egal, woher er rührt, Rückenschmerz ist nicht gleich Rückenschmerz. Denn je nach Beruf und der damit notwendigen Bewegungen und Haltungen treten andere Schadensbilder auf. Grundsätzlich werden in den allermeisten Fällen Muskeln und Sehnen im Rücken und den davon abgehenden Extremitäten belastet.

• Häufigstes Symptom sind Muskelverspannungen. Diese treten durch Fehlhaltungen oder -belastungen auf. Dabei verhärten die geschmeidigen Muskelstränge und lassen sich nicht mehr schmerzfrei in üblicher Form dehnen.
• Ebenfalls häufig ist die im Volksmund „Weichteilrheumatismus“ genannte Fibromyalgie. Allerdings handelt es sich dabei um kein „echtes“ Rheuma, sondern wahrscheinlich die Schädigung von Nervenenden in den Muskeln.
• Werden Verspannungen zu lange ignoriert, können bakterielle Erreger in die Muskulatur eintreten. Das führt zu Muskelentzündungen, die ebenfalls starke Schmerzen verursachen.

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Darüber hinaus ist jedoch auch die Wirbelsäule selbst betroffen: Beim Bandscheibenvorfall verschieben sich die zwischen den einzelnen Wirbeln gelagerten Bandscheiben. Normalerweise garantieren sie, dass die Wirbelsäule sich in alle Richtungen biegen kann. Verrutscht jedoch eine Bandscheibe, kann sie auf die im Wirbelkanal verlaufenden Nerven drücken. Die Folgen reichen von starken Schmerzen durch die Nervenreizung bis hin zu Taubheitsgefühlen und Lähmungserscheinungen.

2.2 - Sitzen ist das neue Rauchen

2.2.1 - Sitzt Du noch oder stehst Du schon?

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(Foto: fotolia.com © mokee81)

Wie bereits kurz angemerkt, ist heute vor häufig Büroarbeit für die Rückengeschädigten in den Wartezimmern verantwortlich. Hintergrund ist folgender: Der Rücken ist evolutionär nicht dafür konzipiert, eine so lange Zeit wie den Arbeitstag in einer Position zu verbringen. Langes Sitzen belastet die Nacken-, Hals-, und Schultermuskulatur, die den zwischen vier und sechs Kilogramm schweren Kopf eines Erwachsenen halten müssen.

Kommen noch die Arme in typischer „Maus und Tastatur“-Haltung hinzu, sind Probleme vorprogrammiert. Viele Arbeitnehmer, die die technischen Voraussetzungen haben, greifen daher zu anderen Methoden: Lässt sich der Schreibtisch samt Bildschirm und Eingabegeräten hoch genug fahren, absolvieren sie den Arbeitstag abwechselnd sitzend und stehend. Dadurch werden einzelne Muskeln nicht über die ganze Zeit gleich belastet und bekommen eine Auszeit.

2.2.2 - Tricks für Sitzer

Doch auch wenn Dauersitzen an sich schon nicht wirklich vorteilhaft ist, kommt auch der eigenen Haltung noch viel Schuld für Rückenprobleme zu.

• Grundsätzlich gibt es kein hundert prozentig gesundes Sitzen – jede Form davon ist auf die Dauer eine Belastung.
• Lediglich die Auswirkungen können durch die Haltung korrigiert werden.
• Ganz falsch sind halbliegende Haltungen sowie solche, bei denen der Oberkörper weit vorgebeugt wird (kann durch Augenprobleme verursacht werden).
• Richtig ist eine aufrechte Sitzhaltung. Wer das durch eine Rückenlehne nicht kann, sollte sich selbst durch lehnenlose Stühle oder gar einen Sitzball dazu zwingen.
• Muss jedoch eine Rückenlehne verwendet werden, sollte der Oberkörper ganz daran anliegen, im Idealfall inklusive Kopf.
• Um die Schultern zu entlasten, sollte der Schreibtisch 72 Zentimeter hoch sein und die Unterarme bis kurz vor den Ellbogen aufliegen.
• Recken, Strecken und den Oberkörper in alle Richtungen beugen, aktiviert die Muskeln und beugt Schmerzen vor.
Daneben sollten Büroarbeiter jede Möglichkeit nutzen, um aufzustehen und herumzulaufen. Außerdem kann es helfen, mit ausgestreckten Armen an der Wand kurze „Liegestützen“ zu machen, um Muskelverhärtungen vorzubeugen.

2.3 - Ausgebrannt - Wenn die Seele krank ist

2.3.1 - Was ist Burnout?

Um wieder auf den Stress zurückzukommen (der im Übrigen ebenfalls für Rückenschmerzen verantwortlich sein kann) muss die höchste Stufe definiert werden. Der Burnout. Weiter oben wurde bereits erklärt, dass Stress, der nicht zur Gänze abgebaut wird, sich summiert. Burnout ist nichts anderes, als der Endpunkt davon: Dem Körper wird immer mehr abverlangt, obwohl er immer weniger leisten kann. Am Ende steht die totale Unfähigkeit, Arbeit zu leisten und sich selbst zu motivieren – selbst zum Leben, weshalb bei vielen Burnout-Patienten Suizidgefahr besteht.

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(Foto: fotolia.com © Svyatoslav Lypynskyy)

2.3.2 - Wie wird Burnout behandelt?

So einfach Burnout entstehen kann, so schwer ist seine Therapie: Ohne Langzeit-Kur geht für die meisten Betroffenen nichts. In Fachkliniken ist zunächst absolute Ruhe oberstes Gebot. Es darf den Patienten nichts erreichen, was ihn in irgendeiner Form stresst oder aufregt. Ergänzt wird diese Therapie durch Verhaltenstrainings, Psychologengespräche und Entspannungsübungen. Am Ende steht ein neuer Mensch – der allerdings nie wieder so belastbar sein wird und deshalb an einem Wendepunkt seines Lebens steht.

3 - Gesundheitsbildung am Arbeitsplatz – Vier Beispiel-Projekte zur Gesundheitskompetenz

Alle bis hierhin genannten Faktoren sind ein gewaltiger Kostenfaktor: Die Behandlungen kosten die Krankenkassen Milliarden. Und durch Ausfälle gehen den Unternehmen ähnliche Summen verloren. Aus diesem Grund hat in vielen Branchen Umdenken eingesetzt: Prävention lautet das Stichwort. Und das geht bei den folgenden Projekten als übergreifende Operation zwischen Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Krankenkassen und sogar der Regierung.

3.1 - Azubifit – Eine Erfolgsgeschichte

3.1.1 - Überblick

Das Programm Azubifit geht die Probleme von der Wurzel an: Wer schon in der Ausbildung Gesundheitskompetenz erlernt, muss später nicht aufwendig korrigieren, so das Credo. Gegründet wurde die Initiative 1992 von der Internationalen Vereinigung für Soziale Sicherheit. Durch einen Mix aus Ausbildern, Präsenzprogrammen und Eigeninitiative sollen Auszubildende lernen, auf verschiedenen Ebenen auf ihren Körper zu achten.

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(Foto: fotolia.com © Karin & Uwe Annas)

3.1.2 - Inhalte

Azubifit ist deshalb ein umfassender Ansatz mit verschiedenen Schwerpunkten. Die wichtigsten davon:

• Allgemeine Gesundheit
• Bewegungslehre zur Vermeidung von körperlichen Beschwerden
• Süchte und Prävention
• Sozialkompetenzen, Prüfungen und Lernen
• Work-Life-Balance und Strukturierung von Arbeitsabläufen
Am Ende des Programms sollen die Auszubildenden also in allen gesundheitlichen Bereichen ausreichende Kenntnisse haben, um sich künftig selbst vor Stress und anderen Problemen zu schützen.

3.2 - GeH Mit! - Yoga zur Förderung der MitarbeiterInnengesundheit

3.2.1 - Überblick

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(Foto: fotolia.com © diego cervo)

Das Projekt „GeH Mit!“ wurde von der Universität Augsburg in Zusammenarbeit mit der Techniker Krankenkasse 2015 ins Leben gerufen und läuft noch bis September 2017. Dabei sollen nicht nur die Mitarbeiter der Hochschule in der Anwendung von Yoga zur Prophylaxe körperlicher Beschwerden geschult werden, sondern – und das macht dieses Projekt so einzigartig – auch wissenschaftliche Erkenntnisse bringen. Das Sportinstitut verspricht sich dadurch Rückschlüsse auf die Kluft zwischen theoretischem Gesundheitswissen und deren Umsetzung: Viele wissen, wie sie gesund leben müssen, setzen dieses Know-how aber nicht um.

3.2.2 - Inhalte

Das Projekt, das für die Teilnehmer kostenlos ist, besteht aus drei Interventionsmodulen:

• Modul 1 liefert das Basiswissen über Yoga.
• Modul 2 erklärt, wie die Yoga-Übungen in den Alltag integriert werden können.
• Modul 3 soll die Nachhaltigkeit fördern, sodass die Teilnehmer das Gelernte zukünftig auch alleine absolvieren.

Damit sollen Erkenntnisse gewonnen werden, die bei zukünftigen Projekten den Arbeitern ein bewussteres Gesundheitsempfinden erleichtern sollen.

3.3 - „Na prima“ – Das naprima Projekt

3.3.1 - Überblick

Das naprima Projekt markiert den Verbund zwischen Industrie und Regierung: Es wurde von Handelskonzern REWE in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Familie und Soziales ins Leben gerufen. Ziel sind dabei in der ersten Phase die Beschäftigten der Rewe-Märkte: Ihre Bewegungsabläufe stehen mit Heben, langem Stehen, Sitzen und Bücken stellvertretend für die gesamte Branche. Dabei sind die Mitarbeiter in der Vorreiterrolle, denn was bei diesem Projekt entwickelt wird, soll nach dem Willen des Ministeriums auf den gesamten Bereich des Einzelhandels umgelegt werden. Ziel von naprima ist also, Lösungen für die ganz spezifischen Einzelhandels-Bewegungsproblematiken zu finden.

3.3.2 - Inhalte

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(Foto: fotolia.com © industrieblick)
  • Der erste Punkt ist ein ganzheitlicher Betreuungsansatz: Das Eruieren der Belastungen sowie Beratungen zu deren Vermeidung.
  • Der nächste Schritt besteht in der Sensibilisierung und Motivierung der Beschäftigten über gesundheitsgerechte Verhaltensweisen und Präventionsmöglichkeiten.
  • Danach werden die Marktleiter in gesundheitsgerechtem Führen geschult und zusammen mit den Mitarbeitern Maßnahmen erarbeitet.
  • Aus den besten Punkten werden standortübergreifende Programme heraussortiert und zusammengestellt
  • Am Ende werden die gesamten Ergebnisse ausgewertet und auf ihre Übertragbarkeit hin überprüft.

3.4 - „Gesunde Arbeit“ - Regionaler Lotsendienst für alle Beratungs- und Dienstleistungsbedarfe der betrieblichen Gesundheit

3.4.1 - Überblick

„Gesunde Arbeit – alles aus einer Hand“ so der Titel des Projekts, ist als einziges in dieser Liste bereits abgeschlossen und erlaubt deshalb eindrucksvolle Rückschlüsse: Das Programm lief zwischen 2007 und 2011 als bundesweites Projekt zwischen dem Ministerium für Arbeit und Soziales sowie der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung und anderen Organisationen. Ziel waren kleine und mittlere Betriebe. Die Ausgangshypothese vermutete, dass gerade in diesen Betrieben, die das Haupt-Standbein deutscher Arbeitsleistung ausmachen, zu wenige bis gar keine Beratungskompetenzen in Sachen Gesundheit vorhanden sind.

Die Aufgabenstellung war daher, hier ein Lotsenangebot zu etablieren und diese Fähigkeiten branchenübergreifend zu schulen. Die bewegungstechnisch fachkompetente Komponente stellte dabei das „Institut für Qualitätssicherung in Prävention und Rehabilitation“ der Sporthochschule Köln.

3.4.2 - Inhalte

Wie schon erklärt, ging es bei dem Programm weniger um direkte sportliche Angebote, sondern darum, die besten Möglichkeiten zu finden, diese in die tausenden Betriebe des Bundesgebiets zu transportieren. Dabei verfolgte das Projekt mehrere Ansätze:

• Förderung durch öffentliche Mittel
• Förderung durch Gemeinschaft der Sozialversicherungsträger
• Förderung durch einzelne Sozialversicherungsträger
• Finanzierung durch Unternehmen

Am Ende stand ein auf den ersten Blick ernüchterndes Ergebnis, denn die vier Modelle liefen alle nicht sonderlich gut. Das Fazit am Ende des Projekts „Gesunde Arbeit – alles aus einer Hand“ lautete daher, dass die jeweils zuständigen Kammern, die während der Laufzeit wichtige Funktionen innehatten, zukünftig als Träger infrage kommen sollten.

4 - Der gesunde Arbeitsplatz von morgen – Ein Ausblick

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(Foto: fotolia.com © nikodash)

Die Realitäten der modernen Arbeitswelt lassen nur den Rückschluss zu, dass die seit Jahrzehnten laufende Umverteilung von bewegungsintensiven und dabei teilweise auch monotonen Berufen hin zu sitzenden Tätigkeiten am Computer Hand in Hand mit einer Veränderung der körperlichen Schadensbilder einhergeht. Der gesunde Arbeitsplatz von morgen stellt daher eine Symbiose dar: Arbeitnehmer und Arbeitgeber sorgen hier Hand in Hand dafür, dass die mit Abstand wichtigste Ressource, die Arbeitsgesundheit, hochgehalten wird. Die Industrie in der Republik arbeitet daran schon jetzt. Bloß ist es nun aber auch an der Zeit, dass der Mittelstand mit entsprechenden Programmen nachzieht – denn hier arbeiten nach wie vor die meisten Deutschen.