Frau Bachmayer packt aus

Eine Lehrerin aus Niedersachsen spricht Klartext

Hier bloggt eine Lehrerin aus Niedersachsen anonym unter dem Namen "Frau Bachmayer" und berichtet offen aus ihrem Lehreralltag. Sie spricht das aus, was jeder Lehrer denkt, aber niemals offen sagen würde.


Bachmayer-Article.jpg

Hausaufgaben sollten abgeschafft werden

Die Rede ist hier von Neuntklässlern an der Oberschule, an der ich unterrichte. Als ich in der zweiten Stunde in meine Klasse komme, sind mittlerweile zwar alle Schüler eingetroffen, aber der Arbeitseifer hält sich sehr in Grenzen. "Wir sind noch so müde, Frau Bachmayer", meint Samira. "Können wir nicht noch ein bisschen chillen?"

"Kommt gar nicht infrage. Zeigt mir lieber mal eure Hausaufgaben", fordere ich meine Schüler auf. "Äh, was hatten wir denn auf?" "Seit wann kriegen wir bei Ihnen denn Hausaufgaben auf?", fragen meine Schüler. "Also Leute, ihr solltet Vokabeln lernen, weil wir gleich einen Test schreiben." Da mal wieder fast keiner meiner Schüler Hausaufgaben gemacht und die Vokabeln gelernt hat, gebe ich ihnen noch 10 Minuten Zeit zum Lernen und frage sie dann die einfachsten Vokabeln ab, damit sie auch mal ein Erfolgserlebnis haben.

Schüler machen kaum noch Hausaufgaben

Hausaufgaben sind für viele Schüler ein Fremdwort. Zu meiner Zeit haben wir sie vielleicht auch nicht immer gemacht, aber dann wenigstens noch von den Streberschülern abgeschrieben. Heutzutage ist es den Schülern nicht mal mehr peinlich, keine zu haben. Allerdings gilt die Ausrede "Heft vergessen" noch immer. Viele meiner Schüler kommen aus bildungsfernen Elternhäusern und werden mit ihren Hausaufgaben allein gelassen. Andere wollen nach der Schule einfach nur abschalten und sich nicht weiter mit dem Schulstoff beschäftigen.

Und weil das so ist, gebe ich schon längst keine Hausaufgaben mehr auf.

Bei Hausaufgaben sprechen sich die Lehrer untereinander nicht ab

Doch viele meiner Kollegen sehen das anders und ballern meine armen Schüler in ihren Fächern nur so mit Hausaufgaben voll. Meine Schüler beschweren sich vor allem über Mathe. "In Mathe verstehe ich nur Bahnhof", klagt Sophie. "Meine Eltern können mir dabei auch nicht mehr helfen, die kapieren das selber nicht."

Die meisten meiner Schüler sind heillos überfordert. Vor allem, wenn sie auch noch in mehreren Fächern Hausaufgaben machen müssen. Häufig schaffen sie es nicht, die Matheaufgaben zu lösen. Schon ab der ersten Klasse kommen die Kinder von der Schule nach Hause und werden mit Hausaufgaben in Deutsch und Mathe überflutet. Wozu das Ganze?

Die Benotung von Hausaufgaben ist verboten

Hausaufgaben sind bei vielen Lehrern nach wie vor so beliebt, weil man in der nächsten Stunde gleich so wunderbar darauf eingehen kann. So kann man sich die lange Planung für einen besseren Einstieg sparen. Zudem nutzen immer noch viele Lehrer die Hausaufgabenkontrolle, um die Schüler zu benoten. Dabei ist das rechtlich gar nicht erlaubt.

Hausaufgaben abschaffen und zwar sofort

Längst haben Studien bewiesen, dass Hausaufgaben überflüssig sind und vermutlich null Lerneffekt haben. Höchstens für ganz wenige disziplinierte und gut organisierte Schüler. Warum also nicht einfach abschaffen?

Viele Eltern wären doch auch dankbar, blieben ihnen so einige nervige Diskussionen mit ihren Kindern am Nachmittag erspart. Und ein bisschen mehr Freizeit neben der Schule kann doch auch nicht schaden. Die meisten Kinder sind durch die zunehmenden Ganztagsschulen schon eingespannt genug.

Besser die Zeit für Hausaufgabenkontrollen einsparen, dafür mehr im Unterricht üben und nach dem Unterricht die Kinder mal von der Schule abschalten lassen.


Was tun bei schlechten Noten?

Einen Tag nach der Zeugnisausgabe bekomme ich einen Anruf von Frau Gerber, der Mutter von Bastian. Sie fragt, was denn da in der Schule los ist. Ihr Sohn wollte ihr sein Halbjahreszeugnis erst nicht zeigen, hat es dann aber doch herausgerückt. "Ich bin aus allen Wolken gefallen. In Deutsch und Englisch eine Fünf. Was soll ich machen, Frau Bachmayer? Das kann ja so nicht weitergehen."

Eltern wachen erst auf, wenn es zu spät ist

Ich schaue in meine Unterlagen und stelle fest, dass Frau Gerber bisher zu keinem Elternsprechtag erschienen ist. Im Halbjahreszeugnis steht die Bemerkung "Versetzung gefährdet". Ich kann die Sorge der Mutter verstehen. Sie wirkt ziemlich aufgebracht. "Basti hat jetzt Hausarrest und Computerverbot. Dem wird ich’s zeigen."

Guter Rat ist teuer

"Frau Gerber", versuche ich sie zu beruhigen. "Mit Strafen ist es nicht getan. Das macht die Sache nur noch schlimmer." "Wieso? Der Junge muss jetzt mal hart angefasst werden. Ich habe ihm bisher alles erlaubt. Aber er hat das alles nur ausgenützt." Ich halte eine weitere Diskussion am Telefon über Frau Gerbers unberechenbare Erziehungsmaßnahmen für zwecklos und empfehle ihr, zu unseren Eltern - Schüler - Gesprächen der nächsten Woche in die Schule zu kommen. Da besprechen wir Klassenlehrer mit den Eltern im Beisein der Schüler, wie die Entwicklung der Schüler weitergehen soll und welche Vereinbarungen dazu getroffen werden müssen.

Was Eltern auf keinen Fall tun sollten

Es ist überhaupt nicht hilfreich, wenn Eltern, die sich vorher kaum um ihre Kinder gekümmert haben, bei schlechten Zeugnisnoten plötzlich ausrasten und die Kinder beschimpfen. Bei Jugendlichen in der Pubertät bewirken plötzliche Erziehungsmaßnahmen mit Bestrafungen eher das Gegenteil. Die Jugendlichen machen völlig dicht und lassen die Eltern gar nicht mehr an sich herankommen. Es ist auf jeden Fall ratsam, zunächst das Gespräch mit dem Klassenlehrer zu suchen und dann in Ruhe geeignete Maßnahmen zu überlegen. Besonders wichtig ist dabei, Verständnis für die Lebenssituation des eigenen Kindes zu entwickeln und wieder ins Gespräch mit ihm zu kommen. Frau Gerber, sofern sie denn zum Elternsprechtag überhaupt kommt, werde ich empfehlen, mehr Interesse an dem zu zeigen, was ihr Junge so in seiner Freizeit macht, ohne dabei allzu neugierig zu sein. Sie könnte ihm deutlich machen, dass sie für ihn da ist und ihm helfen möchte, seine Leistungen in der Schule zu verbessern.

Die Motivation, zu lernen und die Schule zu schaffen, muss vom Schüler selber kommen

Wie motiviere ich lernunwillige Schüler? Dies ist wohl das größte Problem überhaupt, weil sich das Desinteresse an einem Schulfach und die Unlust zu lernen über einen langen Zeitraum aufgebaut haben. Daraus resultierende Misserfolgserlebnisse und schlechte Noten verstärken die Lage zusätzlich. In der Pubertät wird die Sache dann noch schlimmer. Die Jugendlichen haben hormonelle Probleme und sehr viel mit sich selbst zu tun. Sie sind häufig verschlossen, schlafen sehr viel und suchen Zuflucht in außerschulischen Aktivitäten.

Eltern brauchen viel Geduld

Basti hat im Moment ganz andere Interessen als die Schule. Da hilft es nur gelassen zu bleiben. Mit Strafen erreichen Eltern oft eher das Gegenteil. Besser wäre es trotz schlechter Noten eine Vertrauensbasis herzustellen. Auch kleinste Erfolgserlebnisse sollten positiv aufgenommen und verstärkt werden.


Nette Schüler kriegen bessere Noten

"Hallo Frau Bachmayer, Sie sehen aber heute gut aus!", sagt Ali zur Begrüßung und lächelt mich an. "Schleimer", rufen die anderen aus meiner 9. Klasse.

Geschleimt oder nicht. Es zieht. Innerlich freue ich mich über das Kompliment und nehme mir vor, ihm heute auf jeden Fall ein Plus hinter seine Note für mündliche Mitarbeit zu setzen. Auch Dean-Luca strebt rum. "Frau Bachmayer, meine Lieblingslehrerin. Haben wir sie in der Zehnten auch noch in Deutsch?"

Nette Schüler klar im Vorteil

Natürlich reicht ein einfach nur hingesagter Spruch nicht aus für eine bessere Note. Aber wir Lehrer sind auch nur Menschen. Und da ist es einfach so, dass uns die netteren Schüler lieber sind als die, mit denen wir nur Ärger haben. Und das wirkt sich auch automatisch auf die Note aus. Entweder direkt beim Sozialverhalten oder indirekt im jeweiligen Fachunterricht.

Wenn ich meine Schüler darum bitte, mir die Wörterbücher aus dem Kopierraum zu holen oder den Klassenraum aufzuräumen, sind es leider meistens die gleichen Schüler, die Hilfsbereitschaft zeigen. Emil, Sophie und Azra melden sich immer dafür. Der Rest zieht sich gerne raus. Dafür gibt es andere, die mir nett einen guten Morgen wünsche oder sich gleich entschuldigen, wenn ich sie ermahne. So wie Ali, Vicky und Dean-Luca.

Ist der Ruf erst ruiniert

Auch wenn wir Lehrer es nur ungerne zugeben: Benotung ist sehr subjektiv. Viele Faktoren ergeben eine gute Note. Sophie ist nett, hilfsbereit, zeigt gute Leistungen und hat ein super Aussehen. Das ist als Schüler schon fast der Jackpot. Im Gegensatz dazu sind Mandys Leistungen eher schlecht und gleichzeitig ist sie faul und fällt durch unverschämtes Verhalten auf. Dank vieler Gespräche strengt sie sich in letzter Zeit ziemlich an und versucht ihre mündliche Note aufzubessern. Trotzdem sind ihre Noten nach wie vor schlecht. Bei den meisten meiner Kollegen hat sie einfach ihren Ruf weg. Da heißt es dann: "Bemüht sich zwar, aber nervt durch ihr blödes Gequatsche." Und die Note bleibt schlecht.

Bei mir kommt Engagement gut an

Ich gebe Mandy den Tipp, etwas mehr an ihrem Auftreten und ihrer Einstellung zu arbeiten. Sie solle den Lehrern freundlich begegnen und sich einfach etwas mit ihrer Meinung zurückhalten. Gesagt, getan. Es fällt ihr zwar sichtlich schwer, aber Mandy bemüht sich wirklich, um im Halbjahreszeugnis noch bessere Noten zu bekommen. Bei mir steht sie seitdem in Deutsch auf einer 4+. Selbst, wenn sie mal im Unterricht quatscht, sehe ich gerne darüber hinweg. Und bei der Korrektur ihrer nächsten Klassenarbeit werde ich ihre positive Entwicklung auch im Hinterkopf behalten.

Deshalb mein Tipp an alle Schüler

Wenn du nicht schon durch gutes Aussehen einen Vorteil hast, versuch es einfach durch freundliches Auftreten und Hilfsbereitschaft. Aber Vorsicht: Lehrer sind auch nicht blöd. Wenn du zu sehr rumschleimst, kann das leicht als Arschkriecherei falsch verstanden werden.


Goethe und Schiller sind out - Lehrpläne müssen entrümpelt werden

Nachdem ich mich mit meinen Neuntklässlern im Deutschunterricht gerade durch die Themen "Erörterung und“ „Kurzgeschichten" gequält habe, steht der nächste Hammer auf dem Lehrplan: "Gedichte"!

Who the fuck is Goethe?

Ich schlage spontan ein Gedicht von Goethe vor. "Hey geil, fuck you Goethe", ruft Kenneth (Känness) in die Klasse hinein. "Ey du Penner, der spielt in dem Film doch gar nicht mit", witzelt Mandy. "Goethe ist ein Dichter von früher."

Ich kläre den Sachverhalt kurz auf und weise meine Schüler darauf hin, dass wir uns laut Lehrplan halt mit Gedichten beschäftigen müssen.

"Ohhhhhh", buht die ganze Klasse. "Wozu brauchen wir das eigentlich für später? Ist doch voll unnötig!", regt sich Azra auf. Dean-Luca sieht das genauso: "Wozu muss ich das wissen, wenn ich später als Handwerker arbeiten will?" "Als Verkäuferin oder Altenpflegerin brauch ich das auch nicht", findet Samira. "Dann kannst du den Alten später wenigstens Gedichte aufsagen", scherzt Ömer und lacht sich tot.

Für das Leben lernen wir – in der Schule nicht

Ein Blick in unser Deutschbuch ruft auch bei mir keine Begeisterungssprünge hervor. Schließlich entscheide ich mich für Heinrich Heines Gedicht "Die schlesischen Weber". Das erscheint mir für meine Schüler noch am Verständlichsten.

Ich spiele das Gedicht "Die schlesischen Weber" auf meinem iPad ab und zeige den Schülern ein Video, um ihnen den geschichtlichen Hintergrund zu verdeutlichen. "Was ist weben?", fragen mich meine Schüler und auch sonst verläuft die inhaltliche Erarbeitung des Gedichtes eher schleppend. Von einer im Lehrplan geforderten Interpretation sind wir so weit entfernt wie meine Schüler von Goethe. Sie können mit dem Gedicht so rein gar nichts anfangen.

Damit bei dem Thema überhaupt irgendetwas herauskommt, bringe ich ihnen am nächsten Tag den Song "Haus am See" von Peter Fox mit. "De Luxe, endlich mal was, was wir kennen", freuen sich Steven, Ali, Jegor, Mandy und Co und sind gleich viel motivierter bei der Sache. Auch die Interpretation fällt einigen nun etwas leichter.

Viele Unterrichtsinhalte bringen meinen Oberschülern nichts

Gedichtinterpretationen sind vielleicht noch was für Gymnasiasten oder gute Realschüler, aber doch nichts für die Oberschule. Warum sollen meine Schüler Gedichte und Kurzgeschichten analysieren, wenn viele von ihnen nicht mal einen kurzen Zeitungsartikel sinnentnehmend lesen können? Sie sollten mehr auf das Leben und zukünftige Berufe vorbereitet werden und nicht mit Inhalten konfrontiert werden, bei denen sie eh nur Bahnhof verstehen.

Wann werden veraltete Lehrpläne endlich modernisiert?

Und dem Alltag der Schüler angepasst? Ein gewisses Grundlagenwissen macht ja durchaus Sinn, aber was kommt danach?

"Was findet ihr denn wichtig in Schule?", frage ich meine Klasse.

Vicky: "Ich möchte mehr auf Bewerbungsschreiben und Bewerbungsgespräche vorbereitet werden. Das hatten wir viel zu kurz."

Emil: "Wir wollen schon ein paar Gedichte lesen, aber eben welche, die Spaß machen. Das von Peter Fox war echt mal Bombe!"

"Ja, wir sollten viel mehr Themen machen, die uns auch interessieren!", stimmt der Rest der Klasse zu.

Lehrpläne verhindern interessanten Unterricht

Leider kann ich meinen Schülern aktuelle und spannende Themen nur begrenzt anbieten. Denn dank der streng festgelegten Vorgaben der Kultusminister sind mir die Hände gebunden, und ich kann eher selten mal was Kreatives mit meinen Schülern machen, z.B. würde ich sie gern selbst mehr Gedichte schreiben lassen und einen Poetry Slam veranstalten. Oder aber mal einen Songtext von Bob Dylan, dem neuen Literaturnobelpreisträger, durchnehmen. Natürlich in einer guten deutschen Übersetzung, damit meine Schüler den auch verstehen. Damit niemand "Blowing in the wind" mit "Blasen im Wind" übersetzt.


Lehrer lassen auf der Weihnachtsfeier die Sau raus

Heute ist die Stimmung bei uns im Kollegium bestens. Denn erstens ist nächsten Dienstag der letzte Schultag vor den lang herbeiersehnten Weihnachtsferien und viele meiner Kollegen schalten von Unterricht auf den Chillmodus: Frühstücken bis zum Abwinken, Filme glotzen und Weihnachtsaktionen durchziehen. Und zweitens steht heute unsere Weihnachtsfeier an.

Schrottwichteln muss sein

Wie jedes Jahr starten wir mit einem leckeren Essen in fröhlicher Runde. Erst danach beginnt unser Schrottwichteln. Und wie jedes Jahr muss unser Personalrat die Regeln für uns angeheiterte Lehrer wieder neu erklären: Bei der Würfelzahl Eins die Wichtelgeschenke im Uhrzeigersinn links, bei der Zahl Vier rechts herum. Leider sind wir schon so angeheitert, dass wir links und rechts durcheinanderbringen und den Uhrzeigersinn vertauschen. Laut lachend und grölend werden dabei die Weingläser umgekippt und keiner hört mehr zu. Wir benehmen uns wirklich schlimmer als unsere Schüler!

Bei der Zahl 6 rennen alle Kollegen nur wild schreiend durch die Gegend. Der diesjährige Renner: Das Kamasutra Buch für Dummies. Leider ist es nirgendwo auffindbar, denn Horst hat es unter seinem Tisch gebunkert. "Der hat’s wohl nötig", munkeln einige hinter vorgehaltener Hand.

Das Niveau sinkt

Nach dem Essen und Wichteln schlendert der harte Kern noch zum Glühweinstand auf dem Weihnachtsmarkt. Kaum angekommen, habe ich schon eine Feuerzangenbowle in der Hand und ein Rentiergeweih auf dem Kopf. Und schon startet die Lästerrunde in feucht-fröhlicher Gesellschaft. Bei einer Kollegin, die länger ausfällt, wird gemunkelt, dass sie Burn-out hat. Menke ätzt wie üblich dazwischen: "Nee, die hat bloß keinen Bock mehr." "Und wo sind eigentlich Birte und Andreas geblieben?", fragen sich einige. "Ich glaube, ich habe die vorhin zusammen zum Parkplatz gehen sehen", sagt Steffi. "Ach was, haben die etwa eine Affäre?" "Oder die gehen gemeinsam zum Swingerclub", lallt Horst. "Das Essen soll da ja ganz hervorragend sein!"

Rette sich, wer kann

Nach dem Weihnachtsmarkt geht’s noch in ein Lokal in der Nähe. Spätestens nach der dritten Runde Schnaps fallen die letzten Hemmungen. Ein paar meiner Kollegen tanzen wild herum. Roswitha und Horst kommen sich dabei verdächtig nahe. Ob da heute noch was geht? Da es spät ist, werde ich das wohl heute Abend nicht mehr herausfinden und auf den Buschfunk morgen in der Schule warten. Ich verabschiede mich und mache mich auf den Heimweg.

"Frau Bachmayer, sind Sie das?", höre ich plötzlich eine Stimme hinter mir. Aus den Augenwinkeln erkenne ich meine Schüler Jegor und Dean-Luca. Mist, der Albtraum eines jeden Lehrers wird plötzlich wahr! Denn wer hat schon Bock, seine Schüler abends zu treffen? Vor allem nicht mit diesem albernen Rentiergeweih auf dem Kopf!

buchcover.jpg




Buch-Tipp
Mehr von Frau Bachmayer gibt es jetzt auch als Buch:
Mathe ist übertrieben hässlich, Frau Bachmayer: Eine Lehrerin zwischen den Stühlen Warum Handys in der Schule verbieten?


Getthosprech macht vor Schule nicht halt

"Frau Bachmayer, waren Sie Kino gestern?", fragt mich Steven bei der morgendlichen Begrüßung. "Nee ich war nicht Kino, ich war Bett.", antworte ich lachend. "Und heute bin ich Fahrrad." "Abgefahren", sagt Ali, "Ich bin Bus". "Und ich gehe gleich Klo", lacht Emil, der als Einziger zu schnallen scheint, dass ich bewusst die Artikel und Präpositionen weggelassen habe. Für den Rest der Klasse ist es völlig normal, sich im sogenannten Getthosprech zu unterhalten. Sie kennen es kaum noch anders.

"Schnallst du Text?"

Nicht nur meine Schüler mit Migrationshintergrund sprechen so, auch alle anderen. Selbst meine beiden ehemaligen Gymnasiasten Emil und Sophie verwenden diesen Sprachstil. Und so kommt es, dass Artikel für meine Schüler nur noch ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert zu sein scheinen.

"Schnallst du Text?", fragt Luna ihre Sitznachbarin Samira.

"Ja Schatz, warte ich erklär dir Kurzgeschichte. Da ist Mann, der verliert Familie und geht in anderes Land."

Wenn ich als Lehrerin meine Schüler nun ständig an die vergessenen Artikel erinnern würde, müsste ich jeden Satz, den sie sagen, verbessern. Und für andere Themen bliebe dann wohl keine Zeit mehr.

"Vicky ist Arzt"

Doch heute ist mir der Ghettosprech doch etwas too much. "Wo ist Vicky eigentlich?", frage ich und trage sie ins Klassenbuch als fehlend ein. "Die ist Arzt". "Leute, Vicky ist doch kein Arzt", sage ich halb schmunzelnd, halb genervt und schreibe den Satz an die Tafel. "Was fehlt hier?", frage ich in die Runde. "Vicky geht Arzt?", versucht es Mandy. Ich rolle nur mit den Augen. "Hier fehlt ein Wort", sage ich und deute zwischen ist und Arzt. "Nennt sich Präposition". "Präpawas?", fragen meine Schüler. "Ich weiß es", Jegor schnipst aufgeregt mit dem Finger. "Vicky ist bei-n Arzt". "Fast", lache ich, "bei-m Arzt." "Aber Frau Bachmayer so spricht doch heute keiner mehr", protestiert Dean-Luca, "ich sag doch auch nicht, ich bin beim Schule." Ich hebe nur abwehrend die Hände und gebe auf. Jedenfalls fürs Erste.

"Was läuft in Schule?"

Selbst bei uns Lehrern werden Verkürzungen vorgenommen. "Hast du Englischbuch für mich?", fragt mich mein Kollege Werner in der Pause. "Klar hab ich Buch", antworte ich lachend. Werner zwinkert mir zu. Auch wenn wir uns daraus oft ein Späßchen machen, so bürgert sich das Ghettosprech in unserer Sprache immer mehr ein. Auch in den älteren Generationen. Und so heißt es nicht mehr "Wie war es in der Schule?", sondern einfach nur noch "Wie war's in Schule?" Ist doch auch viel kürzer. Das haben auch unsere sozialen Medien erkannt und lassen weg, was unnötig ist. Unser Seminarleiter Krautmann hält nichts vom sprachlichen Wandel: "Die deutsche Sprache verkommt immer mehr, zum Heulen ist das!"

Ob die Kurzsprache bleibt oder nur das Phänomen einer Generation ist, lässt sich schwer vorhersagen. Trotz anfänglicher Ablehnung habe ich mich an die Sprache meiner Schüler gewöhnt und mich damit angefreundet. Und so gehe ich Schule, wenn ich mit meinen Schülern rede, und zur Schule, wenn ich mich mit meiner Generation unterhalte.


Albtraum Elternabend

Alljährlich grüßt der Elternabend. Und damit beginnt für uns Lehrer oft ein Abend, bei dem wir tief durchatmen, wenn er vorüber ist. Eigentlich möchte ich am heutigen Elternabend mit den Eltern meiner 9. Klasse über anstehende Projekte und den Leistungsstand der Klasse reden. Aber die Bedingungen sind nicht gerade motivierend. Um 20 Uhr sind gerade mal 5 Eltern da, davon auch noch ein Paar. Also sind nur 4 Schüler durch ihre Eltern vertreten. Wirkliches Interesse sieht anders aus.

Beschwerden reihum

Um zwanzig nach acht sind wir dann doch noch 10 Personen und wir können endlich anfangen. Doch bevor ich mit meinem eigentlichen Thema beginnen kann, meldet sich Emils besorgte Mutter: "Frau Bachmayer, die Lehrer geben viel zu viel Hausaufgaben auf. Wie soll ich, äh – mein Emil das alles schaffen? Außerdem war die letzte Klassenarbeit in Deutsch viel zu schwer."

Auch Azras Mutter hat was zum Mäkeln: "Warum machen Sie in Klasse 9 eigentlich keine Klassenfahrt?"

"Ja genau, das interessiert mich auch", stimmt Alis Vater mit ein, "außerdem hat mir mein Sohn erzählt, dass sie bei Ihnen manchmal das Handy benutzen dürfen?! Das ist doch verboten!"

Und schon schauen mich alle Elternpaare tadelnd an. Und ich fühle mich wie auf der Anklagebank. Nur mein Pflichtverteidiger hat mich im Stich gelassen und ich muss mich ganz allein gegen die wetternde Meute wehren. Ich vertröste die Eltern erstmal auf den Punkt "Verschiedenes" und habe kurz Zeit durchzuatmen.

Bei Zensuren hört der Spaß erst recht auf

Ich schildere den Eltern, dass es in der Klasse ziemlich unruhig ist und sich der Leistungsstand insgesamt verschlechtert hat. Einige Schüler stören massiv den Unterricht und quatschen ständig dazwischen. Ich will die Eltern um Mithilfe bei der Erziehung ihrer Kinder bitten, doch schon bricht der Proteststurm los. Schuld an allem habe natürlich ich. Ich würde die Schüler ungerecht behandeln. Ich bevorzuge die Mädchen. Ich verlange zu viel. Ich zensiere zu streng. Schuldig in allen Anklagepunkten.

Elternvertreter verzweifelt gesucht

Erst beim ungeliebten Programmpunkt "Wahlen zum Elternvertreter" wird es endlich mal mucksmäuschenstill und alle sehen betreten zu Boden. Da zeigt plötzlich Sophies Mutter auf: "Ich mach das doch gerne. Hab ich in der Grundschule auch schon gemacht. Aber nur als Vertretung!"

Nach mir endlos erscheinen Minuten meldet sich dann schlussendlich die Mutter von Dean-Luca. "Wenn’s sein muss, mach ich das. Wir Eltern müssen ja auch ne Stimme haben. Vor allem dürfen wir uns nicht alles von den Lehrern gefallen lassen."

Wer findet das Haar in der Suppe bei den Lehrern?

Bei "Verschiedenes" geht es noch mal rund: Der Mathelehrer könne nicht erklären, die Englischlehrerin schreibe zu schwere Arbeiten und diese fallen deshalb schlecht aus (zu Hause und bei der Nachhilfe habe das Kind noch alles gekonnt), die Cafeteria verkaufe ungesundes Essen, der Klassenraum sei zu ungemütlich - Nach knappen drei Stunden beende ich schließlich den Elternabend. Und bin völlig fertig.

Bevor ich mich auf den Weg nach Hause in meinen wohlverdienten Feierabend machen kann, steuert die neue Elternvertreterin zielstrebig auf mich zu. "Frau Bachmayer, ich habe da noch ein Anliegen! Mein Sohn Dean-Luca, der ist hochbegabt, das haben Sie als Fachfrau ja sicherlich schon bemerkt!" Meine Gesichtzüge entgleisen mir etwas. Dean-Luca und hochbegabt?! Das ist doch ein Scherz! Ich muss mich beherrschen, nicht in schallendes Gelächter auszubrechen. Aber die Mutter meint es wirklich ernst. "Wissen Sie," sagt sie mit gesenkter Stimme, "mein Sohn ist etwas unkonzentriert und hat nicht die besten Noten, weil er mehr gefordert werden muss bei Ihnen. Er langweilt sich nämlich ziemlich in Ihrem Unterricht."

Ich bin ausnahmsweise mal sprachlos. Und habe irgendwie keine Lust mehr, mich mit dieser Frau und ihren Unverschämtheiten weiter herumzuschlagen. Mit diesen Eltern wird die Zusammenarbeit eher schwierig. Zum Glück mag ich ihre Kinder und das sogar sehr. Und so versuche ich, diesen Albtraum-Abend schnell abzuhaken und freue mich schon auf meine kleinen Chaoten morgen früh.


Akuter Lehrermangel: Keiner hat mehr Bock auf Grund- und Oberschule

In der dunklen Jahreszeit wird der Lehrermangel besonders spürbar. Wenn die erste Erkältungs- und Grippewelle einsetzt, werden große Löcher in die ohnehin schon dünne Personaldecke gerissen. Der Vertretungsplan wird immer länger, und die Lehrkräfte, die noch fit sind, aber schon am Limit arbeiten, dürfen auch noch zusätzlich Überstunden schieben. Unbezahlt wohl gemerkt!

Unterrichtsausfall unvermeidbar

Schon seit Jahren werden nicht genügend Lehrer eingestellt. Die Flüchtlingssituation verstärkt die Situation noch. Mein Schulleiter hat zwei Stellen bereits zum zweiten Mal ausgeschrieben, doch leider ohne Erfolg. Alle neu ausgebildeten Lehrer sind schon vom Markt, sprich bereits bei anderen Schulen untergekommen. Auf die Note der Junglehrer guckt längst kaum jemand mehr, wenn es eng wird. Nun fehlen uns über 60 Lehrerstunden, zusätzlich zu den Fehlstunden durch kranke Lehrkräfte. Unmöglich, das durch Vertretungsunterricht aufzufangen!

Der Lehrermarkt ist leergefegt.

Die Arbeitsbedingungen im Grund-, Haupt- und Realschulbereich haben sich in den letzten Jahren enorm verschlechtert. Lehramtsstudenten wollen nur noch ans Gymnasium. Höchsten für die Grundschulen finden sich noch engagierte Nachwuchskräfte, weil diese lieber mit jüngeren Schülern arbeiten. Auf Oberschule hat eigentlich niemand Bock.

Quereinsteiger sollen es richten

In ihrer Not ist der Kultusbehörde jedes Mittel recht. Quereinsteiger aus anderen Berufen sollen in einer Art Turboausbildung für die Schule fit gemacht werden. Auch unsere Schule soll Quereinsteiger bekommen. "Jeder, der ein Stück Kreide halten kann, soll jetzt Lehrer werden", schimpft ein Gewerkschaftsfunktionär. Unser Seminarleiter Krautmann, der neuerdings auch Dolmetscher, gescheiterte Hochschuldozenten und andere Versager vor allem mit naturwissenschaftlichem Hintergrund zu Lehrern machen soll, meint nur lapidar: "Die sind völlig unfähig. Die können doch vor keiner Klasse bestehen. Vor allem nicht in der Oberschule."

Mein Kollegium ist wenig begeistert

Im Kollegium sind die Vorbehalte gegenüber Quereinsteigern immens. "Wozu habe ich 10 Semester studiert, wenn jetzt jeder Fachidiot denselben Job wie ich machen kann?", erbost sich Birte. "Bleib mal locker", erwidert Steffie. "Wenn hier genügend von diesen Typen kommen, brauchst du auch nicht mehr so viel Vertretungsunterricht machen. Und vielleicht weht hier auch bald mal ein frischer Wind." "Von wegen frischer Wind", ätzt Menke. "Die Quereinsteiger sind doch gescheiterte Existenzen, die in ihrem bisherigen Beruf nicht klar gekommen sind."

Studenten als die letzte Rettung?

In Bremen ist es schon gängige Praxis und auch vor Niedersachsen wird die Entwicklung kaum haltmachen. Wenn ich sehe, wie hilflos manche Praktikanten, die ich im Unterricht betreue, vor der Klasse stehen, wird mir Angst und Bange, wenn ich in der Zeitung lese, dass Studenten zu Vertretungsunterricht herangezogen werden. Da ist das Chaos, das wir häufig auch so schon haben, vorprogrammiert. Die armen Schüler und Studenten tun mir jetzt schon leid.


Das leidige Thema: Handys in der Schule

An fast allen Schulen herrscht Handyverbot. Auch bei uns. Nur in der Pause dürfen die Schüler ihr Handy in einer Handyzone benutzen.
Doch wie das mit Verboten so ist, bringen sie nicht wirklich viel, sondern werden lediglich geschickt umgangen. Und so tippen meine Schüler noch schnell die letzte WhatsApp ein oder checken ihren Status bei Facebook als ich den Klassenraum betrete. "Handys weg", rufe ich nur und hoffe gleichzeitig inständig, dass ich mein eigenes Handy ausgeschaltet habe.

Lehrer-Spitzel auf dem Schulhof

Einige meiner Kollegen haben es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Handys in den Schülerhänden ausfindig zu machen und diesen abzunehmen. Verboten ist schließlich verboten! Zum Glück hat sich mittlerweile auch an unserer Schule rumgesprochen, dass wir Lehrer das Handy nicht einbehalten und nach Unterrichtsschluss wieder rausrücken müssen. Dabei fühlen sich selbst viele meiner Kollegen ohne ihr Handy "nackt" und können es kaum erwarten, während der Pause einen Blick darauf zu werfen.

Eltern auch nicht die besten Vorbilder

Beim Elternabend meiner 9a sitzen die Eltern auf den Stühlen ihrer Kinder und starren auf ihre Smartphones. Kurz vor dessen Beginn spricht Alis Mutter noch schnell eine WhatsApp Sprachnachricht für ihren Mann auf, während Dean-Lucas Mutter ihre Mails checkt. Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte man fast glauben, hier säßen lauter Teenager und nicht deren Eltern!

Handynutzung im Unterricht ist doch krass angesagt

Meine Schüler verstehen nicht, warum sie das Handy im Unterricht nicht nutzen dürfen. "Sogar mein zweijähriger Bruder surft im Internet. Ist doch bei allen Kindern so. Bevor sie sich selbst den Hintern abwischen können, wischen sie bereits über Tablets und iPads", beschwert sich Vicky.
Da ich voll ihrer Meinung bin, dürfen meine Schüler ihr Handy nutzen. Passt ganz gut zu Recherchezwecken. Zudem hören die bei Stillarbeiten auch mal Musik über ihre Smartphones. "So kann ich mich viel besser konzentrieren", freut sich Luna. Und plötzlich wird es still und alle arbeiten. Selbst Luna bringt endlich mal was zu Papier, was ihr sonst fast nie gelingt. Dem Handy sei Dank!


Liebe Eltern, mit diesen Namen machen Sie Ihren Kindern das Leben schwer!

Die Namenslisten der fünften Klassen haben bei uns im Kollegium dieses Jahr für einige Lacher gesorgt. Denn die Vornamen vieler Kinder werden immer exotischer und ausgefallener. Leider nicht im positiven Sinne. Neben den üblichen Verdächtigen wie Harper, Collin, Diego, Summer, Damian und Mandy sind Doppelnamen wie Britney-Fatima, Warren-Brian oder Stella-Chantal immer häufiger anzutreffen. Aber auch Dreifachnamen gibt es: In der 5 a sitzt Maddox-Sky-Phoenix und in der 5c unser Zungenbrecher Justin-James-Jecker.

Solche Namen sind eine Diagnose

Laut einer Studie haben es Kinder mit solchen Namen im Leben besonders schwer. Das fängt bereits in der Schule an. Mein Kevin in der 9a wird von den anderen nur noch Alpha-Kevin oder Horst-Kevin genannt. Und Chantal nur Schaaa-ntaaaa-lle. Beide nehmen es mit Humor, nach all den Jahren haben sie sich an die Witze um ihre Vornamen gewöhnt. Aber muss das sein?

Wir Lehrer haben bei Jaqueline, Steven, Schakira gleich ein Bild im Kopf: Wenig gebildet und verhaltensaufällig. Und leider bestätigt sich diese düstere Vorahnung oft. Steven, Schakkeline und Schakira stören die meiste Zeit den Unterricht und sind schulisch eher wenig begabt. Allerdings fällt der Apfel ja bekanntlich nicht weit vom Stamm. Die armen Schüler spiegeln ja doch nur die Verhaltensweisen ihrer Eltern wider. Und was kann man bei dieser Namensvorliebe auch groß von deren Eltern erwarten?

Kännes und Mässju sind arme Schweine

Die Leidtragenden sind mal wieder die Kinder. Und so höre ich in der Pause viele meiner Kollegen vor allem über Mässju (Matthew) und Kännes (Kenneth) schimpfen.

"Wer wars? Matthew natürlich, war ja klar"

Und allein beim Namen spitzen die Kollegen die Ohren.

"Na, bei dem Namen ist doch kein Wunder!"

"Weißt Bescheid?!"

Allgemeines Zwinkern und ungläubiges Kopfschütteln in stiller Lehrerübereinkunft.

Mehr Grips bei der Namenswahl

Man kann ja für Angelina Jolie schwärmen, aber muss ich unbedingt meine Kinder nach ihr oder ihren Kindern benennen?

Dann doch lieber Lotta, Jakob, Luise oder Emil. Mit diesen Namen verbinden wir Lehrer angenehme Schüler, die meistens gute Leistungen in der Schule erbringen.

Heute habe ich Vertretungsunterricht in der 5c. "Wollen wir ein Kennenlernspiel machen?", frage ich die Klasse. Alle freuen sich, immerhin besser als Unterricht. Nachdem sich Christoph und Ronja vorgestellt haben, ist ein blasses Mädchen neben mir an der Reihe. "Ich heiße Pornthida Angel Katniss", sagt sie leise. "Ponthida?", frage ich nach. "Nein, PoRnthida", brüllt die Klasse lachend zurück. Ich bin sprachlos und habe vollstes Mitleid mit dem Mädchen. Liebe Eltern, geht’s noch??? Individualität ist ja gut und schön, aber dann doch lieber eine Rückkehr zu meiner Generation – zu den Kathrins, Ninas und Svens.


"Sie hören von meinem Anwalt"- Der Elternsprechtag

An Tagen wie heute ist die Aufregung im Lehrerzimmer deutlich spürbar. Einige der Kollegen machen sich in den Pausen noch Notizen zu den Schülern und besprechen mit den Fachlehrern, ob es Gemeinsamkeiten oder Unterschiede bei den Noten gibt. Bei einigen ist eine deutliche Missstimmung zu beobachten. Alle sind froh, wenn sie diesen Tag hinter sich gebracht haben.

Immer die gleiche Leier

Die ersten Elterngespräche plätschern so vor sich hin. Bis jetzt alles ganz harmlos. Einige Eltern wollen ewig über ihre Kinder quatschen, obwohl längst alles gesagt ist. Ich gebe ihnen zunächst nonverbale Zeichen: Notenbuch zuklappen, auf die Uhr schauen und immer wieder den Satz: "So, dann ist ja jetzt alles gesagt“ einschieben. Denn schließlich ist das Zeitfenster mit 20 Minuten Gesprächszeit knapp und draußen warten bereits weitere ungeduldige Eltern und scharren mit den Hufen.

Ich verfahre mit den Eltern nach gewohnter Manier und sage ihnen das, was sie gern hören möchten. Entspricht ja auch meistens der Wahrheit. Nämlich: "Ihr Kind hat mündlich eine Drei. Er könnte aber viel mehr! Er muss sich einfach mehr melden" oder "Sie kann mehr. Es wäre schön, wenn sie mir das auch zeigt." Und spätestens bei solchen Sätzen kommt immer ein eifriges und zustimmendes Nicken der Eltern. Natürlich kann das eigene Kind immer viel mehr. Ist doch klar! Manchmal stimmt das leider nicht.

Die Sache mit dem Anwalt

Meine Stimmung ist gut, bis die Mutter von Luise den Raum betritt. Luise ist in der 5a und ist ein sehr schüchternes zurückhaltendes Mädchen. Mündlich sagt sie nichts, stört aber auch nicht. Da ihre Englischarbeit mit einer Vier minus nicht so gut ausgefallen ist, steht sie bei mir im Moment auf einer vier. Doch das will die Mutter nicht so ganz einsehen.

"Wissen Sie, meine Tochter hatte an der Grundschule so viel Spaß am Englischunterricht. Seit sie Sie jedoch in Englisch hat, macht ihr das gar keinen Spaß mehr. Im Gegenteil, sie hat regelrecht Angst vor dem Englischunterricht."

Anklagend blickt sie mich an. Ihre Hände sind abwehrend vor ihrer Brust verschränkt und ihre Stimme zittert leicht.

"Das tut mir leid zu hören."

Ich erkläre ihr, dass es vielen Schülern beim Übergang in die weiterführende Schule so geht, vor allem was den Englischunterricht betrifft. War in der Grundschule der Unterricht noch spielerisch, ist er hier auf einmal ziemlich anspruchsvoll. Das sei erstmal ein Sprung ins kalte Wasser. Doch die Mutter lässt sich von meinen Worten nicht beeindrucken.

"Ich glaube, sie haben mich nicht ganz verstanden, Frau Bachmayer. Es liegt an Ihnen, dass meine Tochter Angst vor dem Englischunterricht hat."

Aufgebracht zeigt sie mit dem Zeigefinger auf mich.

"Sie mögen meine Tochter nicht! Nur deshalb hat sie in Englisch eine vier. Ich möchte, dass Sie ihre Note auf mindestens ne Drei ändern."

"Das werde ich ganz bestimmt nicht! Und ihre Anschuldigungen finde ich ganz schön unverschämt und die werde ich mir keine Sekunde länger anhören."

Entschlossen klappe ich mein Notenbuch mit voller Wucht zu. Vorbei mit den Ich-Botschaften oder freundlichen Floskeln. Diese Ebene haben wir längst verlassen. Das sieht wohl auch die Mutter so. Ruckartig steht sie auf und schiebt den Stuhl rumpelnd gegen den Tisch.

"Ich hab’s im Guten versucht, aber mit ihnen ist kein vernünftiges Gespräch möglich. Sie werden von meinem Anwalt hören!"

Früher hätte mich dieser Satz in Angst und Schrecken versetzt, heute lässt er mich kalt. Schon zu oft gehört...


Schafft endlich die Eltern-Taxis ab!

Pünktlich zum Herbst geht’s bei uns an der Schule wieder richtig ab. Verkehrschaos auf dem Schulparkplatz. Denn Papi oder Mami wollen ihre Kleinen mit dem neuen SUV sicher zur Schule bringen. Dabei passiert genau das Gegenteil. Es wird gedrängelt und rücksichtslos gefahren. Alle haben es eilig. Die Schüler sind dabei in hohem Maße gefährdet.

Der Schulparkplatz entwickelt sich zum Drive-in

Eigentlich ist unser Schulparkplatz nur für Lehrkräfte, aber das interessiert viele Eltern reichlich wenig. Sie wollen ihren Kindern auf keinen Fall zumuten, dass sie ihren ach so schweren Schulranzen die 100 m von der Straße bis zum Schulgebäude ganz allein schleppen müssen. Also befahren sie das Schulgelände, um möglichst dicht an den Eingang zu kommen und sorgen so jeden Morgen für Verkehrstaus vor der Schule. Bis auf 20 m schaffen sie es, dann stoppt sie eine Barriere. Sie würden wahrscheinlich auch noch bis in die Pausenhalle fahren, wenn das ginge.

Überbehütung findet kein Ende

Natürlich werden die Kinder nicht einfach aus dem Auto geworfen. Nein! Mutti oder Papi steigen mit aus. Im harmlosesten Falle bekommen die Kinder nur einen Schmatzer aufgedrückt, aber am liebsten würden die Heli-Eltern ihre Sprösslinge noch bis in den Klassenraum begleiten und ihnen den Ranzen hinterhertragen, so wie sie es von der Grundschule her gewohnt sind. Zum Glück wird es selbst den Überbehüteten, wenn sie älter werden, peinlich und sie schämen sich für ihre nervigen Eltern.

Eltern zeigen kein Verständnis

Unsere Schulleitung hat schon Einiges versucht, um die Parkplatz-Situation in den Griff zu bekommen. Eine Schranke wäre eine Lösung, aber dafür ist kein Geld da. Strenge Briefe an die Eltern mit der Aufforderung, doch bitte darauf zu verzichten, die Kinder mit dem Auto zur Schule zu fahren, prallen an den Eltern ab.

Informationsabende für Eltern, auf denen diese darüber aufgeklärt werden, dass es wichtig für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist, wenn diese ihren Schulweg allein bewältigen, werden nur spärlich besucht. Interessiert die Heli-Eltern wenig.

Da helfen nur drastische Maßnahmen

Damit es nicht immer wieder zu gefährlichen Situationen vor Schulen durch Eltern-Taxis kommt, hat die Stadt Osnabrück beschlossen, vor allen Schulen Halteverbote einzurichten. Eine Osnabrücker Schule hat bereits eine Bannmeile um ihre Schule eingerichtet. Jetzt dürfen die bedauernswerten Kinder wenigstens einen kleinen Teil des Schulweges zu Fuß gehen. Hoffentlich schaffen sie das!


Lasst doch die Schüler länger schlafen!

Nach den Ferien ist es in der 9a mit dem Zuspätkommen besonders schlimm. In der ersten Stunde kommen gleich neun meiner Schüler zu spät. Nach und nach trudeln Dean-Luca, Jegor, Mandy, Ali und Co ein. Die Ausreden sind immer dieselben: "Mein Bus hatte Verspätung." "Mein Fahrradreifen ist geplatzt." "Meine Mutter hat vergessen, mich zu wecken."

Nur Samira hat sich ne ganz besonders kreative Ausrede zurecht gelegt: "Mein Hamster war krank, da musste ich Erste Hilfe leisten." Damit hat sie die Lacher in der Klasse schon mal auf ihrer Seite.

Viele Heli-Eltern nehmen ihre Kinder zu sehr in Schutz

Lennox kommt erst zur dritten, aber bei dem ist es voll normal, dass er nicht pünktlich ist. Er kommt jeden Tag zu spät und stört dadurch immer den Unterricht.

Das Gespräch mit seinem Vater über die Unpünktlichkeit seines Sprösslings führt zu nichts:

Vater: "Aber Frau Bachmayer, der Bus ist morgens immer so voll."
Ich: "Dann muss er eben einen Bus früher nehmen."
Vater: "Dann müsste ich ihn ja noch früher wecken. Da schlafe ich selbst ja noch.“
Ich: "Kann er sich denn nicht selbst einen Wecker stellen? Er ist schließlich alt genug.“
Vater:"Jetzt haben Sie doch mal Verständnis für die jungen Leute und seien Sie nicht so streng! Waren Sie denn nicht auch mal jung?"

Was soll ich dazu noch sagen? Der Vater ist absolut beratungsresistent.

Bei Jegor ist es nicht besser. Wenn Jegor zu spät kommt, ist immer die Mutti schuld. Schließlich bringt Mami ihn mit dem Auto bis vor die Schule und schafft es wohl nicht, pünktlich loszukommen. Bei solchen Eltern wundert mich gar nichts mehr!

Schüler lernen besser, wenn sie später aufstehen

Allerdings haben meine Schüler auch nicht ganz unrecht, wenn sie fordern, mit dem Unterricht später anzufangen. "So früh aufstehen ist doch voll unnötig", beklagen sie sich. "Zu Recht!", meint mein Kollege Krautmann, der als Seminarleiter natürlich immer alles besser weiß. "Denn Jugendliche in der Pubertät sind besonders nachtaktiv und haben mehr Probleme, morgens in Schwung zu kommen. Sie können sich erst zu späterer Stunde besser konzentrieren und so auch intensiver lernen." "Was also bringt dann die erste Stunde, wenn meine Schüler eh alle in den Seilen hängen und massenhaft zu spät kommen?", frage ich mich.

Faule Ausreden wären überflüssig

Wenn sich die Schule mehr dem Rhythmus der Jugendlichen anpassen würde, kämen sie auch nicht mehr zu spät und müssten nicht ständig nach faulen Ausreden suchen. Und der Hamster von Samira würde mit mehr Zeit morgens vielleicht auch noch leben.