Hitzacker

Wein aus Hitzacker - zu kaufen ist der Tropfen von der Elbe nicht

Einer der nördlichsten Weinberge Deutschlands steht an der Elbe, im niedersächsischen Hitzacker. Die Rebstöcke gedeihen in bis zu 70 Metern Höhe, das ist für die Region schon ganz ordentlich. Eine Weinkönigin gibt es auch und sogar Zwerge kommen zum Einsatz.


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 (Foto: picture alliance/dpa)

Vom Weinberg geht der Blick in die Ferne, unten der Fluss und am anderen Ufer die sonst eher brettflache Elbmarsch. Nicht Rhein oder Mosel, sondern wirklich die Elbe, rund 80 Flusskilometer vor Hamburg. Unten am Berg liegt die bei Hochwasser bedrohte Altstadt mit ihren bunten Fachwerkhäusern.

"Das ist einer der nördlichsten Weinberge Deutschlands", sagt Peter Wieczorek, Vorsitzender des örtlichen Tourismusvereins. Der Weinberg hat Süd-Südwestlage, auf fünf Terrassen wachsen seine 99 Rebstöcke in einer Höhe zwischen 55 und 70 Metern, das ist für den Norden schon ganz ordentlich. An diesem warmen Sommertag scheint die Sonne, das ist gut für den Wein. Es zeigen sich erste Trauben, noch sind sie recht klein. "Sieht gut aus. Wenn noch ein bisschen Wasser kommt, wär' besser", meint Wieczorek erfreut.

Nicht die einzigen nördlichen Weinanbauer

Mitbewerber um den Titel "nördlichster Weinberg" gibt es etwa in Loddin auf Usedom, seit einigen Jahren wird auch auf Sylt Wein angebaut. "Sylt hat keine Berge", sagt Wieczorek dazu nur. Am Hamburger Hafen - knapp nördlich von Hitzacker - wurde lange unweit der Landungsbrücken Wein angebaut, doch dort pausieren sie wegen Bauarbeiten für einige Jahre.

Einmal im Jahr ist in Hitzacker Weinlesefest, es gibt auch eine eigene Weinkönigin, ganz wie im Süden. Amtierende Hoheit ist Kira Lee, genannt "Die Künstlerische". Vor der Ernennung kommt immer die Lese. "Der Bürgermeister ist dabei - auch der ehemalige Direktor der Volksbank Hitzacker, er macht Musik mit dem Akkordeon", sagt Wieczorek. Die Ratsherren machen auch mit.

Wieczorek trägt eine rote Zipfelmütze und einen Wams, "Zwergenstadt Hitzacker (Elbe)" steht darauf. "Die Zwerge sind für die Lese verantwortlich", erklärt der 75 Jahre alte Hotelier, sein weißer Bart ist echt. "Wir haben das 1989 zurückgeholt. Das war die große Zwergenversöhnung", berichtet er. "Da haben alle Hitzacker Bürger - egal in welchem Beruf - aus Solidarität eine Zipfelmütze getragen." Nach alter Sage haben die Zwerge einst im Schlossberg gelebt, dem heutigen Weinberg, bis ein frevelhafter Handwerksbursche sie vertrieb. Doch nun ist also alles wieder gut, Bronzezwerge stehen allenthalben in der Stadt, eine Künstlerin in Breslau macht sie im Auftrag Wieczoreks.

Touristen sollen auf das ausreichend sonnige Wetter hingewiesen werden

Mit den 99 Rebstöcken will Hitzacker Touristen auf das ausreichend sonnige Wetter hinweisen. Der Weinbau hat dort aber tatsächlich Tradition. "Schon 1521 ist hier erstmals Wein angepflanzt worden", sagt Wieczorek. 1713 habe dann ein verheerender Hagelsturm die Reben vernichtet. "Die Ernte hatte schon vorher nachgelassen", sagt er. In guten Jahren seien es bis zu 60 Fässer gewesen. Seit 1980 wird wieder Wein angebaut. "Die erste Ernte war 1983", sagt Wieczorek.

"Es ist ein echter Weinberg", betont Holger Mertins, Bürgermeister von Hitzacker. "Alle weiter nördlich gelegenen Weinberge wurden künstlich aufgeschüttet", sagt der 57-Jährige. "Wir sind stolz auf den ältesten, nördlichen, nicht aufgeschütteten Weinberg."

Das "Hidesaker Weinbergströpfchen" ist eine Rarität, von der es jedes Jahr nur zwischen 30 und 60 Flaschen gibt. "Letztes Jahr hatte der Wein 98 Öchsle, das ist schon ganz ordentlich", freut sich Mertins. Der Wert gibt einen Hinweis auf den Alkoholgehalt des Weins und gilt auch als Kriterium für dessen Qualität.

Weißwein kann man irgendwo kaufen

Kaufen kann man den Weißwein nicht, er wird von der Stadt nur beim Weinlesefest kredenzt oder zu besonderen Anlässen verschenkt. Dazu gehören etwa Besuche des niederländischen Königshauses. Prinz Claus von Amsberg, der 2002 gestorbene Ehemann von Prinzessin Beatrix, wurde in Hitzacker geboren. Beatrix war Königin, bis sie das Amt 2013 ihrem Sohn Willem-Alexander übergab.

Und warum stehen in Hitzacker nur 99 Rebstöcke? "Das ist die Beschränkung für privaten Anbau für eine Person, ohne dass es dem Weinbaugesetz unterliegt", erklärt Wieczorek. Bei nur einer mehr müsste ein Winzer seine Produkte amtlich prüfen lassen, heißt es in Hitzacker. Außerdem müsste eine Genossenschaft gegründet werden.

Niedersachsen bekam erst 2016 Weinbaurechte

Niedersachsen hat erst im September 2016 Weinbaurechte erhalten und ist damit auch formal zum Weinanbaugebiet geworden. Die zuständige Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung habe zehn Antragstellern insgesamt rund 7,6 Hektar für Rebpflanzungen genehmigt, teilte das zuständige Agrarministerium damals in Hannover mit. Eine geschützte Ursprungsbezeichnung wie etwa beim Champagner sei damit jedoch nicht verbunden, stellte das Bundeslandwirtschaftsministerium klar.

Im Oktober ist es in Hitzacker wieder soweit. "15 Zwerge gehen in den Berg, um den Wein zu ernten. Nach der Ernte wird er verkostet", sagt Wieczorek. Und wie schmeckt der Wein? "Er ist trocken und hat ein bisschen Apfelaroma", sagt Wieczorek. Als Normalsterblicher muss man es glauben oder auf das Weinlesefest warten.

(dpa)