01. Februar 2021 – Jenny Pelzer

Bildung im Wandel

Studenten damals vs. Studenten heute

Um Studenten ranken sich viele Klischees. Sie würden ungesund leben, demonstrieren und das Studium unnötig in die Länge ziehen, so lauten einige von vielen Vorurteilen, die sich hartnäckig halten. Allerdings haben sich diese in den vergangenen Jahren auch stetig verändert. Schließlich studiert es sich heutzutage grundlegend anders als noch vor zwei, drei oder vier Jahrzehnten.

Das hat auch bei den Studierenden ihre Spuren hinterlassen und dementsprechend interessant ist die Frage, inwiefern diese selbst sich über die Jahrzehnte verändert haben. Was also unterscheidet Studenten heute von Studenten damals?

1. Revolution vs. Anpassung

Lange Zeit galten Studenten als die Revolutionäre der Gesellschaft. Sie waren es, die auf die Straßen gingen, um gegen die Politik zu demonstrieren. Sie waren es, die Protestmärsche machten. Sie waren es, die Gleisblockaden organisierten und „Unter den Talaren Muff von tausend Jahren“ riefen. Das galt längst nicht nur, aber vor allem für die 1968er.

Heutzutage sind die Studenten hingegen angepasster denn je. Zwar schließen auch sie sich immer noch oft und gerne Demonstrationen & Co an. Selten fungieren sie dabei aber als Initiatoren. Stattdessen wird die Generation Y gerne als „die langweiligste Generation aller Zeiten“ betitelt – und auch die Generation Z hat bisher kaum durch revolutionäre Bewegungen auf sich aufmerksam gemacht. Einzige Ausnahme sind die „Fridays for Future“, wo aber Studierende ebenfalls eher eine untergeordnete Rolle spielten.

Tatsächlich präsentiert sich die Generation Y als ungewöhnlich angepasst. Das gilt für ihre Kleidung ebenso wie für ihr Verhalten. Lange Zeit meldeten sich die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland kaum zu Wort. Zwar konnte eine Studie im Jahr 2019 langsam eine Veränderung feststellen, die zurückgeht in Richtung der früheren Studenten, die lauthals und teilweise radikal für ihre Überzeugungen auf die Straße gingen. Dennoch sind die heutigen Generationen im Vergleich eine stille Generation.


2. Optimismus vs. Pessimismus

Eine mögliche Erklärung ist jene, dass die früheren Generationen in eine optimistischere Zukunft geblickt haben. Die heutigen Studierenden sind hingegen mehr mit eigenen Problemen, Sorgen, Ängsten & Co beschäftigt – sodass schlichtweg weniger Zeit und Energie bleibt, um auf die Straßen zu gehen. Hinzu kommt der gestiegene Zeitdruck beim Studieren durch den Bologna-Prozess. Dennoch hat sich nicht nur das Studium per se verändert, sondern auch die Studierenden sind heutzutage grundlegend anders, wenn es um ihre Einstellungen, ihre Ziele und weitere Merkmale geht.

Tatsächlich sind die sogenannten Millennials eine ungewöhnlich pessimistische Generation, wie eine weitere Studie aus dem Hause Deloitte zeigt. Nur rund ein Drittel der Millennials in Deutschland ist demnach zufrieden mit den aktuellen Lebensumständen. Stattdessen überwiegen Zukunftssorgen aufgrund aktueller Probleme wie dem Klimawandel, dem sich wandelnden Arbeitsmarkt oder den unsicheren wirtschaftlichen Aussichten. Nur sieben beziehungsweise zehn Prozent der Generationen Z und Y glauben an Verbesserungen in absehbarer Zeit.

Vor wenigen Jahrzehnten war das noch anders. Wer in den 60er, 70ern oder 80ern studiert hat, konnte sich nicht nur relativ sicher sein, überhaupt einen Arbeitsplatz zu finden. Dieser war meist auch noch unbefristet, gut bezahlt und quasi auf Lebenszeit gesichert. Akademiker genossen ein höheres Ansehen und höheres Einkommen – über alle Branchen hinweg. Zu diesem Ergebnis jedenfalls kam ein soziologischer Trendbericht der Universität Konstanz.

3. Selbständigkeit vs. Altruismus

Nicht nur, dass die Studierenden vor zehn, 20 oder mehr Jahren optimistischere Erwartungen an ihr Berufsleben hatten. Sie stellten auch andere Ansprüche. Bei ihnen standen vor allem intrinsische Werte im Vordergrund, sprich ein hohes Maß an Selbständigkeit, die Möglichkeit zur Entwicklung eigener Ideen sowie Abwechslung durch regelmäßig neue Aufgaben. Zwar haben diese auch bei heutigen Studentinnen und Studenten noch einen hohen Stellenwert, sie verlieren aber bereits seit mehreren Jahren stetig an Bedeutung.

Für die Studierenden von heute rücken stattdessen altruistische Werte in den Vordergrund. Sie möchten mit Menschen arbeiten, anderen helfen und einen Allgemeinnutzen bringen – sozusagen ihren Beitrag leisten, um die Zukunft vielleicht doch noch zu verbessern. Materielle Werte sind dabei zwar nicht irrelevant, stehen aber heute wie damals nicht im Fokus. Anstelle von Arbeitssicherheit, suchen die Berufseinsteiger heutzutage also eher nach Flexibilität sowie einer guten Vereinbarkeit von Beruf und Familie. So jedenfalls lauten die Ergebnisse der „12. Studierendensurvey an Universitäten und Fachhochschulen“ zum Thema „Studiensituation und studentische Orientierungen“ des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

4. Studenten vs. Studentinnen

Interessant ist in dieser Erhebung auch die Feststellung, dass es heutzutage immer mehr Studentinnen gibt. Obwohl das Studieren also auch in 68ern sowie danach für Frauen möglich war, was es scheinbar noch nicht üblich. In den 60er-Jahren lag nämlich der Frauenanteil an Universitäten bei lediglich 24 Prozent. Heutzutage sind es bei den Fachhochschulen 40 Prozent und an Universitäten haben die Studentinnen mit 51 Prozent mittlerweile mehr als aufgeholt. Wenn es um die Frage geht, welchen Unterschied es zwischen Studierenden damals und heute es gibt, ist somit auch das Geschlecht eine wichtige und richtige Antwort.

5. Sorglosigkeit vs. Gesundheitsbewusstsein

Dass die Studierenden vor wenigen Jahrzehnten noch sorgloser waren, trifft längst nicht nur zu, wenn es um ihre Zukunft ging. Auch, was die Gesundheit betrifft, lebten sie meist sorgloser – was in diesem Fall aber nicht unbedingt positiv war. Nur rund 18,5 Prozent der Studierenden rauchen heutzutage. Diese Zahlen sahen in den 60ern, 70ern und 80ern noch grundlegend anders aus. Doch seit den 80er-Jahren hat sich das Image der Raucher verändert und somit haben auch immer mehr Studierende den Zigaretten abgeschworen – oder gar nicht erst mit dem Rauchen begonnen. Vor allem die Akademiker haben dieses Umdenken initiiert und die Effekte machen sich bis heute bemerkbar.

Mittlerweile ist das Rauchen unter Studentinnen und Studenten also eher die Ausnahme als die Regel. Zwar haben sich neben der Zigarette zunehmend andere Konsumformen verbreitet, beispielsweise die Shisha oder die E-Zigarette, dennoch rauchen unterm Strich weniger Studierende als noch vor wenigen Jahrzehnten. Während der Student von damals also noch die Zigarette gedreht hat, mischen Studierende heute ihr Liquid nach eigenen Wünschen selbst. Ein gedankliches Bild, welches das gestiegene Gesundheitsbewusstsein im Laufe der Zeit deutlich macht. Doch es äußert sich auch auf anderen Ebenen, beispielsweise bei der Ernährung oder beim Sport.

Zwar leben Studierende unterm Strich nach wie vor nicht so gesund wie viele ältere Personen, die bereits mit beiden Beinen im Berufsleben stehen. Schlafmangel, Alkohol, Fast Food & Co gehören also immer noch untrennbar zum Studentenleben. Dennoch zeigen die Beispiele und viele weitere, kleine Gewohnheitsveränderungen, dass Studierende heutzutage gesundheitsbewusster sind – Tendenz steigend.

6. Gelassenheit vs. Stress

Dass Studentinnen und Studenten jetzt mehr denn je auf ihre Gesundheit achten, mag auch daran liegen, dass sie sich durch das Studium belasteter fühlen. Das lockere Studentenleben, wie es einst normal war und belächelt wurde, gehört nämlich ebenfalls der Vergangenheit an. Die Zeit der faulen Langzeitstudenten, die ihr Leben genießen, ein bisschen studieren, ein bisschen arbeiten und viel feiern, ist somit vorbei. Obwohl sich das Klischee noch hartnäckig hält, sind die heutigen Studierenden längst nicht mehr so gelassen. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Im Gegenteil: Die bereits erwähnten Zukunftsängste, der Bologna-Prozess und viele weitere Veränderungen der vergangenen Jahre haben dazu geführt, dass die Zahl der stressbedingten psychischen und physischen Erkrankungen unter Studierenden erheblich zugenommen hat. Depressionen, Angststörungen, Migräne, Magen-Darm-Probleme – immer mehr Studentinnen und Studenten sind mit solchen Beschwerden in ärztlicher Behandlung.

Das gestiegene Gesundheitsbewusstsein kann somit auch schlichtweg eine Folge des gestiegenen Stresslevels während des Studiums sein. Es ist sozusagen eine Notwendigkeit, um die hohen Anforderungen, die heutzutage an Studenten gestellt werden, überhaupt bewältigen zu können. Viele der alten Klischees haben daher längst ausgedient. Einige waren niemals berechtigt. Andere trafen oder treffen durchaus zu. Fakt ist aber, dass sich das Studieren in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat und damit auch die Studierenden selbst. Der Student von damals hat daher nur noch wenig zu tun mit dem Studenten von heute. Einige dieser Veränderungen haben Positives gebracht, andere sind eher negativ geprägt. Interessant ist es aber in jedem Fall, diese Entwicklungen im Blick zu behalten…


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