Seltene Berufe

Schmutzschätzer und andere vergessene Berufe im Norden

Arzt, Busfahrer, Schauspieler, diese Berufe kennt jeder. Doch was ist mit alten Handwerksberufen, wie Böttcher oder Schmutzschätzer. Sie geraten langsam in Vergessenheit, und kaum jemand weiß überhaupt noch, was das für Berufe sind. Doch in Niedersachsen gibt es noch eine Hand voll Menschen, die diese seltenen Berufe ausüben.


Beruf Seiler.jpg
 (Foto: picture alliance / Holger Hollem)

Digitalisierung und Industrialisierung verändern auch das Handwerk. Doch wenige, heute zum Teil aus der Zeit gefallene Berufe, überleben die Jahrhunderte.

Schmutzschätzer

Wenn im Herbst die Ernte der Zuckerrüben ansteht, beginnt sein Einsatz: Der Schmutzschätzer prüft, wie viel Ackerboden nach der Ernte noch an den Rüben haftet, bevor sie zu Sirup werden. Kommen die Traktoren vom Feld, werden sie samt Anhänger zunächst komplett gewogen. Bevor die Ladung verarbeitet wird, kommt der Schmutzschätzer mit seiner Erfahrung zum Einsatz. Er schätzt und notiert die Menge Erde und Rübenkraut, die noch an den Früchten hängt. Die wird prozentual vom Gesamtgewicht abgezogen - denn dafür möchte die Zuckerfabrik den Landwirt nicht entlohnen.

Anschließend werden die Früchte gereinigt, zerteilt und eingekocht. Etwa 13 Stunden dauert es, bis dann der Sirup entstanden ist, den sich manche gern morgens aufs Brötchen träufeln. Im Einsatz sind Schmutzschätzer heute vor allem noch im Rheinland. Wie viele es von ihnen noch im Norden gibt, ist nicht bekannt, denn Schmutzschätzer ist kein Handwerksberuf im Sinne der Handwerksrolle.

Flösser

Kraft und Fingerspitzengefühl war vom Flößer gefragt, wenn er Baumstämme durch Flüsse oder Bäche manövrierte. In Sägereien, Köhlereien, Glasfabriken, Werften oder auf Holzplätzen wurden die Stämme weiter verarbeitet oder als Brennholz genutzt. Die Flößerei prägte seit dem Mittelalter viele Lebensbereiche, 2014 nahm die Unesco sie in die Liste des Immateriellen Kulturerbes auf.

Gewerblich wurde zuletzt Anfang der 1980er Jahre in Brandenburg geflößt. Heute wird die Flößerei in Deutschland nur noch in Museen oder als Touristen-Attraktion betrieben, etwa vom Heimatverein in Winsen/Aller.

Schiffsbildhauer

Auch dieser Beruf ist sehr selten geworden. Um genau zu sein ist Claus Hartman der einzige, der weltweit diesen Beruf noch ausübt. Seine Werkstatt hat er auf der Weserinsel Harriersand. Dort schnitzt er die Gallionsfiguren in Form von Meerjungfrauen oder Kapitänsköpfe. Hier erfahrt ihr mehr über Claus Hartmann - Der letzte Schiffsbildhauer

Seiler

Absperrseile, Handläufe, Drahtseile, Taue für Gartenbedarf, Seile für Spiel und Sport: Wer bei Seilen nur an Schiffsbedarf denkt, liegt falsch. Auch hier hat die Industrie die Produktion weitgehend übernommen. Vereinzelt gibt es im Norden noch Seiler, in Bremen etwa ist einer registriert, in Hamburg vier. Einer von ihnen ist Peter Lohmann, dessen Familie seit 1752 eine Seilerei betreibt.

Böttcher

Ohne sie wäre der Genuss von Bier, Schnaps und Wein früher kaum möglich gewesen: Böttcher bauen Holzfässer für die Getränkelagerung. Zudem stellen sie Bottiche, Kübel, Eimer und Ziergefäße her. Der Beruf hat viele regional unterschiedliche Bezeichnungen wie Fassküfer, Binder oder Bender.

Die Handwerker waren meist in der Nähe des Marktes ansässig, etwa in der Böttcherstraße in Bremen, einer Verbindungsstraße zwischen Marktplatz und Weser. Bis heute werden die Handwerker nach ihrer dreijährigen Ausbildung in Böttchereien, im Weinbau und in Unternehmen der Keltertechnik beschäftigt, zumeist im Süden der Republik. Doch auch dort geht der Bedarf seit den 1960er Jahren kontinuierlich zurück. So gab es in Niedersachsen damals noch 133 Betriebe, heute sind es nur noch zwei. In Bremen ist nur noch ein Böttcher vermerkt, in Flensburg und Hamburg keiner.