22. März 2021 –

Körpernahe Dienstleistung

Rock'n'Roller Sauer und die Angst vor dem Lockdown fürs Tattoostudio

Mit Tolle und Tattoo auf Tour - der Lüneburger Sauer ist Rock'n'Roll-Fan und Tätowierer. Den Kunden juckt es in den Fingern, die Nachfrage ist groß. Das gilt aber auch für die Angst vor einem erneuten Lockdown. Manche Kollegen geben schon auf.

„Rock Roll“ steht auf dem Händen von Tätowierer Dirk Sauer. Die Nachfrage der Stammkunden ist nach vier Monaten Zwangspause groß, nur jeweils ein Interessent darf den 40 Quadratmeter kleinen Laden betreten.
„Rock Roll“ steht auf dem Händen von Tätowierer Dirk Sauer. Die Nachfrage der Stammkunden ist nach vier Monaten Zwangspause groß, nur jeweils ein Interessent darf den 40 Quadratmeter kleinen Laden betreten., Foto: picture alliance/dpa

"WIR DÜRFEN WIEDER ZUSTECHEN" prangt in großen Lettern an dem unscheinbaren Tattoostudio in Lüneburg. Die Nachfrage der Stammkunden ist nach vier Monaten Zwangspause groß, nur jeweils ein Interessent darf den 40 Quadratmeter kleinen Laden betreten. "Den Kunden juckt es auch in den Fingern, einige trauen sich aber noch gar nicht", berichtet Dirk Sauer von Batlands Tattoo im Abstandsgespräch mit Totenkopf-Maske. Seine Sorge: "Ich habe Angst vor einem erneuten Lockdown. Es wurmt mich, das ist mein Lebensunterhalt." Warum seien Friseure besser angesehen als seine Branche? "Ich kann das nicht verstehen, dass sie früher aufmachen durften." Er schneide seine Haare selbst - wenn es krumm wird, komme etwas mehr Pomade rein.

Ausgefallene Termine und steigende Preise für Hygieneartikel

Der Mund-Nasen-Schutz werde bei der Arbeit nie abgenommen, die Hände desinfiziere er sich dutzende Male am Tag, berichtet der Rock'n'Roll-Fan. Fast überall in Deutschland sind die Studios seit dem 8. März wieder geöffnet. "Die Regelungen sind sehr unübersichtlich. Wir fallen unter körpernahe Dienstleistungen und sind der Kosmetik gleichgestellt", sagt Stefan Köster vom Verband Deutsche Organisierte Tätowierer. "Alle haben auf, bis auf Bayern."

Bei vielen Kollegen sei die finanzielle Situation schwierig, sie hätten lange auf versprochene Hilfen gewartet. Manche nahmen andere Jobs an, um ihre Familien zu ernähren. Die ausgefallenen Sitzungen seien kaum nachzuholen: "Ich kann ja nicht rund um die Uhr tätowieren", meint der Frankfurter. Zudem seien die Preise für Hygieneartikel wie Einmalhandschuhe in die Höhe geschossen. Die Corona-Auflagen stellten die geöffneten Tattoostudios aber nicht vor besondere Schwierigkeiten.

Verantwortungsbewusstes Tätowieren seit 2007

Auch bei dem Lüneburger, den sogar seine Mutter nur mit Nachnamen Sauer anspricht, kam die November-Hilfe vier Monate später an. Aber Jammern ist nicht sein Ding. Er ist gut vernetzt und weiß sich zu helfen. Nicht jeder Kunde wird bedient. So wies der gelernte Heizungsbauer mit den schweren Ohrringen, der sich seit 2007 der besonderen Kunst auf der Haut widmet, jüngst zwei 18-jährige Mädels ab. Aus Verantwortungsbewusstsein. "Hand und Hals kommen zum Schluss" ist seine Devise - und nicht schon in jungen Jahren.

Rock'n'Roll-Musik muss man mögen - auch laut - sonst wird eine längere Sitzung bei ihm schwierig. "Rock'n'Roll ist meine Lebenseinstellung, das habe ich schon von meinen Eltern mitbekommen", erzählt der 49-Jährige. Die Musik ist auf jedem einzelnen Finger verewigt, perfekt gestylte Haartolle und ein leicht schnoddriger Ton gehören zu ihm. Am liebsten entwirft und zeichnet er nach den Vorstellungen seine Kunden, als Nächstes steht ein Porträt mit eingearbeiteten Totenköpfen an.

Foto: picture alliance/dpa

Es fehlen die regelmäßigen Konzerte

Er selbst liebt Schweine: Ein Keiler ziert seine Brust, ein Warzenschwein seinen Oberschenkel und eine ganze Familie seinen rechten Arm. "Ich bin nicht kleinlich mit der Nadel." Die unterschiedlichen Kunstwerke auf seinem Körper kann er nicht mehr zählen.

Was ihm grad am meisten fehlt in Corona-Zeiten: die Konzerte jedes Wochenende - Rockabilly ist seine Lieblingsrichtung. Stattdessen lenkt er sein uriges Fahrrad mit Chopper-Lenker durch die Hansestadt. "Ich hab ja Rücken." Er könne zwar stundenlang durchstechen, hinterher kämen dann aber die Verspannungen. "Mit meinem Rad kann ich gemütlich cruisen, und vorne ist immer noch Platz für ein Sixpack Bier."

(dpa)

undefined
Antenne Niedersachsen
Audiothek