25. Oktober 2021 – Nicklas Just

Kampfmittelbeseitiger Andreas Harbich-Michalak

Die Suche nach den Göttinger Bomben

88 mögliche Bombenblindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg hat die Stadt Göttingen über Luftbilder ausgemacht. Seit Montag (18.10.) laufen die Sondierungsarbeiten. Unser Antenne Niedersachsen-Reporter Nicklas Just war vor Ort und hat mit dem Räumstellenleiter über das Vorgehen und mögliche Gefahren gesprochen.

Lange Bohrer graben sich im Garten eines Wohnhauses tief in die Erde. Wo am Tag zuvor noch Wäsche getrocknet wurde, entstehen am Blindgänger-Verdachtsort im Göttinger Blümchenviertel 37 Bohrlöcher, in denen das Magnetfeld auf Störungen untersucht wird, Foto: Antenne Niedersachsen / Nicklas Just
Lange Bohrer graben sich im Garten eines Wohnhauses tief in die Erde. Wo am Tag zuvor noch Wäsche getrocknet wurde, entstehen am Blindgänger-Verdachtsort im Göttinger Blümchenviertel 37 Bohrlöcher, in denen das Magnetfeld auf Störungen untersucht wird, Foto: Antenne Niedersachsen / Nicklas Just

Auf dem Weg zur Bohrstelle wirkt alles noch ganz friedlich. Auf der rechten Seite fließt die Leine, während links im Wechsel Häuser und Bäume auftauchen. In einem Garten zwischen Haus und Radweg unterbricht ein großer Bagger mit der Aufschrift "Kampfmittelbergung" die Idylle. Am Montag konnte hier noch Wäsche getrocknet werden, heute wird der Erdboden mit schwerer Maschinerie durchlöchert. Der Bagger ist gerade dabei, das Metallgerüst, inklusive Wäscheleinen, zur Seite zu befördern. Damit ist der Weg frei und die Bohrarbeiten auf der Suche nach der Bombe können fortgesetzt werden.

Ich stehe an einem von 88 Verdachtspunkten in Göttingen, an denen Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg vermutet werden. Mithilfe von Luftbildern konnte die Stadt Göttingen die verdächtigen Stellen eingrenzen, an denen noch Blindgänger liegen könnten. In diesem Garten im Blümchenviertel arbeitet das Team von Andreas Harbich-Michalak daran, diesen Verdacht zu überprüfen. Viel zu sehen gibt es noch nicht. Es liegt kein einzelnes, monströses Loch vor mir, an dessen Boden eine Eisenbombe glitzert. Stattdessen sieht es aus, als hätte sich ein überdimensionaler Maulwurf auf der Grünfläche ausgelassen.

Die Spezialfirma "Schollenberger Kampfmittelbeseitigung" wurde von der Stadt Göttingen beauftragt, den Garten zu durchlöchern und das Magnetfeld darunter nach Störungen zu durchsuchen. Das passiert mit einem Bagger, der statt einer Schaufel mit einem meterlangen Bohrer ausgerüstet ist. "Jeder magnetische Körper, jeder Eisenkörper hat ein eigenes Magnetfeld und das erzeugt eine Störung im normalen Magnetfeld, die wir messen können. Daran können wir dann erkennen, ob sich Eisen im Boden befindet" sagt Harbich-Michalak, der schon mehr als zwanzig Jahre in der Kampfmittelbergung arbeitet. Seit einigen Jahren ist er ausschließlich in Niedersachsen stationiert. "Der Großraum Wolfsburg–Braunschweig ist mein tägliches Arbeitsgebiet – im Normalfall."

Bei den Bohrungen wird nicht nur Platz für die Sonde gemacht, sondern auch eine Menge Matsch aus der Erde geholt, Foto: Antenne Niedersachsen / Nicklas Just
Bei den Bohrungen wird nicht nur Platz für die Sonde gemacht, sondern auch eine Menge Matsch aus der Erde geholt, Foto: Antenne Niedersachsen / Nicklas Just

"Ein Dachdecker kann auch vom Gerüst fallen"

Während der Rest der Truppe eine kurze Frühstückspause einlegt, möchte ich vom Räumstellenleiter wissen, wie gefährlich es eigentlich ist, an dieser Stelle nach einer Bombe zu bohren.

"Ungefährlich ist es nicht. Die Bomben, die hier geworfen wurden, sind alle mit Säurezünder bestückt. Die sind in der Handhabung ein bisschen gefährlicher als Aufschlagzünder. Da reichen kleinere Erschütterungen aus, um den Zünder zu aktivieren. Das macht das Ganze ein bisschen brisant. Aber jeder andere Job ist sicherlich genauso gefährlich. Ein Dachdecker kann ja auch vom Gerüst fallen", erklärt mir Harbich-Michalak mit sichtbarer Gelassenheit.

Gut zwanzig Meter von mir entfernt liegt also eventuell ein Bombenblindgänger, der bei kleineren Erschütterungen hochgehen könnte. Da bin ich ganz froh, dass gerade Frühstückspause ist und der Bohrer ein paar Minuten still steht. Ganz so dramatisch sei es laut Harbich-Michalak dann aber doch nicht: "Für die Bevölkerung an sich besteht nicht ganz so viel Gefahr – zumindest nicht bei den Sondierungsarbeiten – wobei ich sie auch nicht ganz ausschließen möchte." Nur um sicherzugehen frage ich nach, was denn im schlimmsten Fall passieren könnte.

"Im schlimmsten Fall gäbe es ein großes Loch. Durch die Druckwelle würde natürlich auch der Boden bewegt. Jeder Stein, alles was da ist, wird zum Geschoss. Dementsprechend hat man dann auch Splitter von der Bombe. Bei Sandboden fliegt der Sand durch die Gegend. Das ist auch wie ein Geschoss. Die Häuser würden wahrscheinlich kaputt sein – zumindest die Scheiben. Wenn noch Menschen in der Nähe sind, sieht es für die unter Umständen auch schlecht aus."

"Wenn es nach meiner Frau gehen würde, würde ich den Job hier nicht machen."

Damit der schlimmste Fall nicht eintritt, gibt es ja Andreas Harbich-Michalak und sein Team, die nicht nur Gärten durchlöchern, sondern genau wissen, was sie tun - auch, wenn ein gewisses Restrisiko bleibt. Wirkliche Anspannung zeigt das Team angesichts dieses Risikos nicht. Alle sind relativ locker. Auch Harbich-Michalak. Über 20 Jahre ist er schon bei der Kampfmittelbeseitigung. "Ich habe vorher Maurer gelernt." Dann war er bei der Bundeswehr und "als ich zurückkam von der Bundeswehr, gab es meine Maurerfirma nicht mehr." Ein ehemaliger Kollege inspirierte ihn dann zur Kampfmittelbergung und dort ist er auch geblieben.

Heute ist Harbich-Michalak verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn. Bei seiner Frau, das weiß er, herrscht regelmäßig Unbehagen, wenn er zu Einsätzen muss. "Göttingen ist immer ein spezieller Fall. Sie weiß, was hier passiert ist und was hier für Bomben liegen. Findet sie nicht so prickelnd." 2010 war es bei einer Bombenentschärfung nicht weit von dem Ort, an dem wir gerade sprechen, zu einer unerwarteten Detonation gekommen. Dabei haben drei Mitarbeiter des Kampfmittelräumdienstes ihr Leben verloren. Wie auch bei dem hier vermuteten Blindgänger, soll es sich damals um eine Bombe mit Säurezünder gehandelt haben. "Die Familie hat schon Angst", sagt Harbich-Michalak weiter. "Wenn es nach meiner Frau gehen würde, würde ich den Job hier nicht machen." In Göttingen werden regelmäßig Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg entschärft. Erst Anfang des Monats wurde bei Bauarbeiten am Weender Tor ein Blindgänger gefunden und entschärft.


Andreas Harbich-Michalak ist sich der Gefahr seiner Arbeit bewusst, Foto: Antenne Niedersachsen / Nicklas Just
Andreas Harbich-Michalak ist sich der Gefahr seiner Arbeit bewusst, Foto: Antenne Niedersachsen / Nicklas Just

"Mein Sohn könnte in dem Job noch Rentner werden."

Mittlerweile wird wieder gebohrt und dabei ordentlich Matsch aus dem Erdreich geholt. Um die Löcher sondieren zu können, werden dann Rohre in die Bohrlöcher gerammt. Wie Harbich-Michalak mir erklärt, handelt es sich hierbei um Schutzrohre für seine Sonde, mit der das Erdmagnetfeld gemessen wird. Wie lange die Arbeit an diesem vermeintlichen Blindgänger dauert, kann er kaum abschätzen. Mit 80 weiteren Verdachtspunkten im Hinterkopf folgert Harbich-Michalak: "Ich weiß nicht, ob wir überhaupt jemals fertig werden. Es liegt so viel Munition im Boden. Es kommen immer wieder neue Funde, die nicht durch Luftbilder dokumentiert sind. Ich glaube, wenn man danach geht, würde mein Sohn in dem Job noch Rentner werden, wenn er ihn machen würde."


Nach knapp einer Woche wurde am Freitag (22.10.) bekanntgegeben, dass sich der Verdacht auf Blindgänger an der hier untersuchten Stelle nicht bestätigt hat. Aktuelle Informationen zu dieser und zukünftigen Bombensondierungen veröffentlicht die Stadt Göttingen in einem Liveticker.

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