01. September 2020 –

Höhlenforschung im Harz

Auf Spurensuche im Harz - Forscher graben nach Neandertalerresten

Sie ist die größte begehbare Höhle im Westharz und eine wahre Schatztruhe für Wissenschaftler: die Einhornhöhle. Spuren zeugen von Zehntausenden Jahren der Besiedlung. Nun beginnt eine neue Spurensuche.

Foto: picture alliance / dpa

Den glitschigen Pfad zwischen Bäumen hin zur Ausgrabungsstelle kennt Ralf Nielbock wie kaum ein anderer. Seit mehr als 35 Jahren erforscht der Geologe die Einhornhöhle bei Scharzfeld im Landkreis Göttingen. Am Dienstag starten neue Ausgrabungen. Ziel sei es, genauer zu erfahren, was die Neandertaler an der Höhle gemacht hätten, sagt Grabungsleiter Dirk Leder vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege. Das achtköpfige Forscherteam bearbeite zwei Plätze: den ehemaligen Eingang der Höhle und einen Teil im Inneren.

Die beiden Orte trennt eine Schicht Sedimente, nur drei Meter liegen dazwischen, wie Höhlenbetreiber Nielbock erklärt. «Vielleicht ist das Spannendste auch gerade da.» Aufmachen werden sie den ehemaligen Eingang aber nicht. Wasser würde hereinlaufen, das Höhlenklima verändert. Auch Sicherheitsgründe sprächen dagegen.

Ein verschütteter Höhleneingang birgt Geheimnisse

«Wir graben nicht durch Zufall hier», sagt Nielbock. «Ich habe hier 1987 angefangen.» Kurz zuvor war der heute 66-Jährige im Inneren der Höhle tätig, hatte Bohrungen vorgenommen. «Da habe ich festgestellt, dass das gar kein Felsen ist, sondern die gleichen Sedimentschichten wie in der Höhle auch.» Bedeutet: Das Innere der Höhle und der Vorplatz waren einst verbunden, ein verschütteter Höhleneingang.

«Die Neandertaler sind hier durch diesen Bereich in die Höhle reingegangen», sagt Grabungsleiter Leder. Einen halben bis einen Meter weiter in die Ablagerungen vorzudringen ist das Ziel der Forscher. Bei der vergangenen Grabung 2019 sind dem Archäologen zufolge im Eingangsbereich bereits Beutereste des Neandertalers entdeckt worden - vor allem Hirsch und Wisent. Im Inneren der Höhle fanden Wissenschaftler Knochen von Höhlenbären - bis zu 170 000 Jahre alt.

Günstige Lage ließ den Neandertaler sesshaft werden

Besonders an der Höhle sei, dass sie so viele Zeugnisse der Neandertaler über einen großen Zeitraum hinweg berge, sagt Nielbock. Im Neandertal sei das anders gewesen. «Da lief er nachmittags mal durch den Wald, ging in die Höhle, knallte gegen den Felsen und blieb liegen. Das war ein Ereignis in der Steinzeit, während er hier über viele Jahrzehntausende immer wieder an diesem einen Ort war.»

Der Neandertaler hat sich einen strategisch günstigen Ort ausgesucht. «Wir sind hier auf einem Hochplateau», erklärt Nielbock. 20 bis 30 Kilometer bis ins Harzvorland reicht der Blick, Flüsse liefern Wasser und Tierherden konnte der Neandertaler kilometerweit sichten. «Das war sein Ausguck», sagt Nielbock.

Die Grabungsstelle bietet viele Erkenntnisse

«Die Grabungsstelle draußen haben wir letztes Jahr erst großräumig erschlossen», sagt der Archäologe Leder. Dort seien schon Jagdreste und Steinwerkzeuge der Neandertaler entdeckt worden. Datierungen zeigten, dass die Stelle mindestens 45 000 Jahre alt sei. Anhand der Höhle können die Forscher zudem die natürlichen Klimaveränderungen von der Eiszeit bis heute rekonstruieren. «Das können wir nachvollziehen durch verschiedene Tierreste», so Leder. Finden sich etwa Überreste von Waldmäusen, lasse das auf ein warmes Klima schließen. Reste eines Wollhaarmammuts hingegen wären klar in der Eiszeit zu verorten.

Das Besondere an der jetzigen Grabung sei die Verbindung von außen und innen. «Wir haben den Nachweis, dass der Neandertaler in der Höhle war und, dass er hier draußen saß, guckte, sein Essen zubereitete und umherschweifte», sagt Nielbock.

Vieles wird aber auch nach Ende dieser Ausgrabung im Oktober im Verborgenen liegen. Die felsige Grund der Höhle liege 40 Meter unter dem ehemaligen Eingang, sagt Nielbock. «Wir wissen, das große Unbekannte ist immer noch unter unseren Füßen.»

(dpa)

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