Jahrelang eingeschlossen

Weggesperrtes Rüterberg

Einige Zeit war der Ort Rüterberg von einem Grenzzaun eingeschlossen. Um rein oder raus zu kommen benötigte man immer einen entsprechenden Passierschein. Doch irgendwann wehrten sich die Einwohner- mit Erfolg. Uns hat eine damalige Anwohnerin von ihren Erinnerungen erzählt.


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Ein Stück engmaschiger Grenzzaun, davor ein rot-weißer Schlagbaum. Schräg daneben ein kleines rundes Warnschild auf dem ein bewaffneter Soldat abgebildet ist. Das ist eine der letzten Spuren aus der Zeit, als der Ort Rüterberg komplett eingeschlossen war.

Ich stehe zusammen mit Anwohnerin Heide am Ortsanfang. Dort erinnert ein altes Holzschild an die Zeit von vor 30 Jahren. „Dorfrepublik Rüterberg 1967-1989“ steht in großen schwarzen Lettern darauf. Heide zeigt am Schild vorbei auf die leere Hauptstraße, die sich aus dem Dorf heraus in den Wald hinein schlängelt. „Dort verlief der Zaun, der kam von Dömitz her. Und dort hinter der Kurve ist ja schon Niedersachsen. Auch da war eingezäunt. An der Elbe gab es auch noch einen zweiten Zaun. Deshalb waren wir praktisch eingeschlossen.“

Warum Rüterberg?

Der Grund dafür, dass das DDR Regime 1967 um den Ort Rüterberg einen drei Meter hohen Zaun zog, einen Wachturm errichtete und bewaffnete Grenzer rund um die Uhr postierte, war die Lage dieses kleinen Ortes. Direkt an der Landzunge der Elbe, in Sichtweite zum Wendland lag dieser Ort. Genau in einem Bereich, an dem die Grenzsituation zwischen Ost und West nicht eindeutig geklärt war. Nach DDR-Auffassung verlief die Grenze zum Westen in der Mitte der Elbe, die Bundesrepublik war der Überzeugung, dass die Grenze am östlichen Elbufer verlief. So wurde im Jahr 1967 ein weiterer Grenzzaun hochgezogen, der Rüterberg komplett einschloss. „Wir hatten damals einen Stempel im Ausweis“, erklärt mir Heide, „Schutzstreifen Rüterberg stand da drin. Außerdem gabs damals bei uns einen Konsum. Die Lieferanten kamen nur mit Passierschein rein.“

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 (Foto: picture alliance/dpa)

Die Wende

Außerdem kam man nur mit Passierschein raus. Jeder Einwohner, der nicht in Rüterberg arbeitete, musste morgens durch die Grenzkontrollen zur Arbeit in die nächste Stadt. Zwischen 24 Uhr und Morgengrauen war es gar nicht möglich, aus dem Ort rein oder raus zu kommen. Auch Verwandtenbesuche waren in diesem „Schutzstreifen“, wie das DDR Regime ihn bezeichnete, nur mit einer Sondergenehmigung möglich. Nachdem Ende der 80er Jahre der Grenzzaun weiter verstärkt wurde, hatten die 150 Einwohner genug von der Schikane. Auf einer Versammlung wurde die Gründung einer Dorfrepublik nach Schweizer Vorbild beschlossen – am 8. November 1989. Ironie des Schicksals, dass einen Tag später die Berliner Mauer fiel und die Dorfrepublik somit wieder überflüssig wurde.

An die besondere Bedeutung dieses außergewöhnlichen Grenzortes – mitten am ehemaligen Eisernen Vorhang – wird in den heutigen Tagen zum 30-jährigen Jubiläum erinnert. Auch wenn die Anwohner ihre Situation als gar nicht so außergewöhnlich empfanden. Der prägendste Satz, den ich während meines Besuches in der Dorfrepublik Rüterberg zu hören bekommen habe: „Es gab bei uns gute und schlechte Zeiten. Wie in jedem anderen Ort auch - nur, dass wir eingeschlossen waren.“

Wenn ihr mehr über Rüterberg erfahren wollt, schaut mal hier vorbei: www.doemitz.de

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