Oldenburg

Museen wollen alte Künstler neu entdecken lassen

Horst Janssen, Paula Modersohn-Becker, das Maler-Ehepaar Overbeck - immer weniger junge Leute haben die Bilder der damaligen Avantgarde vor Augen. Museen wollen mit Neuinszenierungen und sozialen Medien gegensteuern.


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 (Foto: picture alliance/dpa)

Liebe und Trennung, Sucht und Rausch, Tod und Vergänglichkeit – die Werke des deutschen Künstlers Horst Janssen (1929-1995) loten Menschheitsthemen aus. In diesem Jahr (2019) wäre der exzentrische Zeichner 90 Jahre alt geworden - Anlass für das Horst-Janssen-Museum in Oldenburg, den Künstler neu entdecken zu lassen. "Wir wollen unser Profil schärfen", sagte Museumsleiterin Jutta Moster-Hoos der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Neben der Neuinszenierung von Janssens Zeichnungen und dem Dialog mit Gegenwartskünstlern wie der Berlinerin Jorinde Voigt zielt Moster-Hoos auf sinnliches Erleben. Inspiriert von Janssens grafischem Werk sollen sich die Besucherinnen und Besucher künftig an einer Druckerpresse ausprobieren: "Wir wollen die teilweise komplizierten drucktechnischen Verfahren erfahrbar machen." Die bisweilen apokalyptische Tiefe der Texte des Wortakrobaten Janssen sollen junge Schauspieler bei Lesungen und ab November die Ausstellung "Janssen und die Literatur" ausloten.

Junge Menschen will das Museum über die sozialen Medien erreichen. User der Onlineplattform Instagram können nicht nur Selfies und Videos vor den Originalen machen und mit anderen teilen. Museumspädagogin Melanie Robinet postet zudem Fotos vom Ausstellungsaufbau und Filme aus den Künstlerateliers: "Die Community kann sich schnell inspirieren lassen. Diese Direktheit ist spannend."

Neue Wege gehen auch Ausstellungsmacher in anderen Städten, darunter Frank Schmidt, Direktor des Paula Modersohn-Becker Museums Bremen. Der Kunsthistoriker will zeigen, wie aktuell Malerei und Lebensphilosophie der Künstlerin Paula Modersohn-Becker (1876-1907) ist. Ihren Briefwechsel hat das Museumsteam fürs Kino als Whatsapp-Chat inszeniert. "Herzinnig und herzinniglich, Deine Braut", schreibt die Künstlerin darin ihrem Mann und bittet ihn gleichzeitig um Geld. Das Überleben für eine junge Malerin im Paris um 1900 sei ähnlich schwierig gewesen wie heute, sagt Schmidt.

Passend zum Selfie-Trend plant das Museum ab September die Ausstellung "Ich bin Ich" mit Selbstbildnissen dieser Pionierin der Moderne. Paula Modersohn-Becker habe sich in ihrem kurzen Künstlerleben etwa 60 Mal gemalt, in ihrem "Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag" sogar nackt, ein Novum in der Kunstgeschichte, sagt Schmidt. "Wo stehe ich, wo will ich hin – das sind Fragen, die bis heute jeden bewegen." 1906 hatte Paula Modersohn-Becker an den Dichter Rainer Maria Rilke geschrieben: "Ich bin Ich, und hoffe es immer mehr zu werden."

In Bremen-Vegesack möchte auch Katja Pourshirazi, Leiterin des Overbeck-Museums, neue Besucher ins Haus lotsen. Anlässlich des 150. Geburtstags des Künstlerpaares Fritz Overbeck (1869-1909), Maler der ersten Künstlergeneration in Worpswede, und Hermine Overbeck (1869-1937) zeigt das Museum fünf Jubiläumsausstellungen.

"Wir wollen die überraschende Modernität in der Malweise zeigen, die ungewöhnlichen Motive, die Gleichberechtigung der beiden", sagt Pourshirazi. Hermine habe in vielen ihrer expressionistischen Landschaften und Häuserbilder gewagte Bildausschnitte gewählt, Fritz sei der Wolkenmaler gewesen.

Trotz facebook-Auftritt sind für Pourshirazi die im alten Packhaus inszenierten Originale entscheidend. Das Museum soll deshalb außerschulischer Lernort bleiben. Etwa 1.200 Schüler hätten hier im vergangenen Jahr Zeichenunterricht gehabt und so die Gemälde vor Ort kennen gelernt. "Wahrnehmung hat sich verändert", sagt sie. "Wann sieht man schon in einer Welt, in der so vieles downgeloadet wird, Originale?" Wie sehr Werke wie Fritz Overbecks "Sitzendes Mädchen in Blau" bis heute berühren, würden die tausend Fragen der Kinder zeigen. Diese wollten wissen, ob die Gemälde echt sind, wie viel sie kosten und ob sie schon mal gestohlen wurden.

(dpa)