Jahreswechsel

Hoch geflogen, tief gefallen: Auf- und Absteiger 2018 in Niedersachsen

Was haben ein Popsänger und ein Bischof gemeinsam? Sie gehören zu den Menschen, die 2018 in Niedersachsen zu den Aufsteigern des Jahres zählen. Doch es gibt auch Absteiger - darunter sind zwei, die ihren Führungsjob ohne eigenes Verschulden verloren haben.


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 (Foto: picture alliance/dpa)

Zwei Politiker, zwei Manager, ein Sportler, eine Behördenchefin, ein Popsänger und ein Bischof: Sie standen 2018 im Fokus der Öffentlichkeit in Niedersachsen wie wenige andere Menschen. Wer waren die Aufsteiger des Jahres? Und wer die Absteiger?

AUFSTEIGER:

HEINER WILMER (57), BISCHOF VON HILDESHEIM: Seit vier Monaten steht der gebürtige Emsländer an der Spitze der Katholiken im Bistum Hildesheim. Schnell ist deutlich geworden: Wilmer redet Klartext, auch beim Thema Missbrauch - und scheut nicht davor zurück, auch die massiven Vorwürfe gegen den 1988 gestorbenen Altbischof Heinrich Maria Janssen anzupacken. "Beim Missbrauch geht es um Macht", sagt Wilmer. "Wir nehmen das Problem von sexualisierter Gewalt und Machtmissbrauch in der Kirche immer noch nicht ernst genug." Über sich und seine Bischofskollegen sagt er auch: "Wir sitzen für mein Empfinden immer noch zu sehr auf dem hohen Ross." Laien müsse in der katholischen Kirche mehr Teilhabe ermöglicht werden, fordert Wilmer.

MICHAEL SCHULTE (28), SÄNGER: Aus Buxtehude auf die europäische Musikbühne: Sänger Michael Schulte hat in diesem Jahr eine rasante Karriere hingelegt. Beim Eurovision Song Contest im Mai in Portugal landete er auf Platz vier und holte Deutschland damit nach mehreren ESC-Jahren ganz hinten wieder nach vorne. Mit einem gefühlvollen Lied für seinen Vater überzeugte der Singer-Songwriter in dem aufgedrehten ESC-Zirkus nicht wie andere durch Show, sondern durch Stimme und Performance. Auch privat lief es für Schulte rund: Im Juni heiratete er seine Frau Katharina, im August wurde er erstmals Vater eines kleinen Jungen. Trotz seines Erfolgs will Schulte seinen Lebensmittelpunkt in der Region Buxtehude behalten.

ANNE KURA (34), GRÜNEN-POLITIKERIN: Die Sozialwissenschaftlerin aus Osnabrück ist seit März Vorsitzende der Grünen in Niedersachsen. Sie trat die Nachfolge von Meta Janssen-Kucz an, die zur Vizepräsidentin des Landtags gewählt worden war. Niedersachsens Grüne sind zwar seit über einem Jahr nicht mehr in der Regierung, sehen sich aber wegen guter Umfrageergebnisse und vieler Neueintritte im Aufwind. Und Kura profiliert sich als Vertreterin einer Klare-Kante-Politik. Zu den Grünen kam sie über eine Debatte um die Studiengebühren. Kura, die auch im Osnabrücker Stadtrat sitzt, sieht sich als überzeugte Europäerin. Ihr Ziel für ihre Partei in Niedersachsen: Nach der nächsten Landtagswahl wieder Regierungsverantwortung übernehmen.

HENDRIK WEYDANDT (23), HANNOVER 96-FUSSBALLPROFI: Vom Kreisliga-Spieler zum Bundesliga-Profi in vier Jahren: Über das Fußball-Märchen von Hendrik Weydandt staunte ganz Deutschland. Eigentlich war der 23 Jahre alte Stürmer von Hannover 96 nur für die zweite Mannschaft vorgesehen, doch mit Toren und guten Leistungen nutzte er in der Sommer-Vorbereitung seine Chance. Und auch bei den Profis machte er das, was er am besten konnte: Tore schießen. Im DFB-Pokal beim 6:0 in Karlsruhe machte er innerhalb von acht Minuten zwei Treffer. In Bremen bei seinem Bundesliga-Debüt benötigte er nur zwei Minuten bis zu seinem Premieren-Tor. Die Belohnung: Er erhielt einen Profivertrag bei den Niedersachsen.

ABSTEIGER:

OLIVER FRESE (51), EX-CEBIT-CHEF: Er versuchte den Turnaround der Computermesse zu schaffen, doch Ende November war klar: Nichts hilft mehr. Nach über 30 Jahren musste Frese verkünden, dass die Cebit Geschichte ist und die einst weltgrößte Computershow eingestellt wird. Rückläufige Buchungen für 2019 hatten den Druck erhöht. In diesem Jahr hatte Frese es noch einmal mit Änderungen versucht: Die Messe wurde von März auf Juni geschoben, es gab mehr Party denn je und ein Riesenrad als Hingucker. Doch in Zeiten, in denen die Digitalisierung alle Branchen durchzieht, ist eine eigene Digitalmesse wohl nicht mehr nötig. Und Messechef Frese bat den Aufsichtsrat um Entbindung von seinen Aufgaben zum 31. Dezember.

PAUL HAMPEL (61), EX-AfD-LANDESCHEF: Der innerparteiliche Machtkampf zog sich über Monate, am Ende wurde Hampel von den eigenen Leuten aus dem Amt gejagt. Im April setzte sich Landtags-Fraktionschefin Dana Guth als neue Vorsitzende des Landesverbandes durch. Gegner und Anhänger Hampels hatten sich über Monate hinweg immer mehr ineinander verbissen. Der Bundesspitze der Partei wurde das chaotische Treiben schließlich zuviel, Hampel wurde abgesetzt. Dem abservierten Ex-Landeschef, der noch ein Bundestagsmandat hat, waren auch Finanz-Mauscheleien vorgeworfen worden. Ein AfD-Bundeskassenprüfer berichtete über Schlamperei und Verschwendung, die er entdeckte. Hampel selbst wies alle Vorwürfe zurück.

MAREN BRANDENBURGER (50), EX-VERFASSUNGSSCHUTZCHEFIN: Ohne persönliche Schuld stolperte sie in eine V-Mann-Affäre - und stand am Ende für Fehler ihrer Mitarbeiter gerade. 2013 war Brandenburger als erste Frau an die Spitze des Verfassungsschutzes aufgerückt, wo sich die Politologin zuvor schon einen guten Ruf als Extremismus-Expertin erarbeitet hatte. Die grundlegende Reform des in die Kritik geratenen Verfassungsschutzes meisterte Brandenburger. Doch im November kostete sie die V-Mann-Panne das Amt. Hintergrund war die Enttarnung eines Studenten, der an der Uni Göttingen die linke Szene ausspioniert haben soll. Mitarbeiter des Verfassungsschutzes hatten es versäumt, in Dokumenten Seiten zu entfernen, die Hinweise auf die Identität des Mannes ermöglichten.

MARC ARNOLD (48), BRAUNSCHWEIGER FUSSBALLMANAGER: So schnell und so tief wie Eintracht Braunschweig ist schon lange kein Fußball-Club mehr abgestürzt. Beinahe-Aufsteiger in die Erste Liga im Mai 2017, Überraschungs-Absteiger aus der Zweiten Liga im Mai 2018, abgeschlagener Tabellenletzter der Dritten Liga Ende 2018. Mitverantwortlich dafür ist der Manager Marc Arnold. Schon der Zweitliga-Kader für 2017/18 war fragwürdig zusammengestellt. Die Personalplanung in diesem Sommer war dann ein Desaster. Arnolds langjähriger Mitstreiter Torsten Lieberknecht fand kurz nach seinem Weggang in Braunschweig einen neuen Trainerjob in Duisburg. Auch Arnold musste bei der Eintracht gehen. Einen neuen Verein hat er aber noch nicht.

(dpa)