Tourismus

Der Dümmer soll zur internationalen Urlaubsregion werden

Der Dümmer ist nicht nur ein bedeutendes Naturschutzgebiet, sondern auch Naherholungsgebiet für die Region. Investoren wollen nun überregional Gäste an den zweitgrößten Binnensee Niedersachsens locken. Das Vorhaben stößt nicht überall auf Begeisterung.


dümmer.jpg
 (Foto: picture alliance/dpa)

Ein Wintertag am Dümmer. Vögel ziehen über die stille Wasserfläche. Auf den Wiesen weiden Schafe. Arbeiter wuseln eifrig über eine Großbaustelle. An der Ostseite des Sees entsteht auf einem früheren Campingplatz ein neues Feriendorf. Erik Winther steht im Dach-Appartement eines vierstöckigen Hauses und deutet auf die Baustelle. "Von hier oben haben Sie immer einen Blick auf den See", sagt der dänische Bauunternehmer und geschäftsführende Gesellschafter der "Wald & Welle GmbH".

Zusammen mit seinem Geschäftspartner Ulrik Lundsfryd baut er auf 18 Hektar den "Marissa-Ferienpark" mit 476 Ferienimmobilien: Einzelferienhäuser in drei Größen und Appartementhäuser, dazu Beachclub, Wellness, Spa, Pool, Gastronomie. 120 Millionen Euro investieren die dänischen Geschäftsleute in der niedersächsischen Provinz. Die ersten Gäste sollen im Sommer 2019 kommen, die Fertigstellung ist zwei Jahre darauf geplant.

Der Dümmer ist der zweitgrößte Binnensee Niedersachsens. Die Gegend ist ein bedeutendes Vogelschutzgebiet; die Diepholzer Moorniederung ist direkt nebenan. Der Dümmer ist aber auch ein Naherholungsgebiet: Die Osnabrücker fahren gerne am Wochenende raus ans Wasser, ebenso die Menschen aus den Landkreisen Diepholz, Vechta und den direkt angrenzenden NRW-Nachbarkommunen Stemwede und Rahden. An diese Gäste haben Winther, Lundsfryd und ihr Vermarktungspartner Novasol allerdings nicht gedacht, als sie den Dümmer für sich entdeckten.

"Der Dümmer hat eine herausragende Bedeutung für uns", sagt Thomas Heinrichs, Projektleiter beim Ferienhaus-Marktführer Novasol. Angepeilt sind Gäste aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet ebenso wie aus Norddeutschland, und auch darüber hinaus. "Wir vermarkten auch im benachbarten Ausland und gehen davon aus, dass auch der skandinavische Markt sehr positiv reagieren wird, wie auch der niederländische." Dafür liege der Standort "genau richtig".

"Genau richtig" heißt: Auf halbem Weg zwischen dem Ballungsraum an Rhein und Ruhr und den Nordseeinseln, nah an der Autobahn 1 und auch aus Richtung Hannover und den Niederlanden in ein bis zwei Stunden gut zu erreichen. Gerade für Kurzurlauber sei das ideal, denen die Nordseeinseln zu weit weg seien, sagt "Wald- und Welle"-Verkaufschef Christian Puls.

Derzeit präsentiert das Unternehmen die bereits fertigen Musterimmobilen interessierten Privatpersonen, die die Ferienwohnungen als Kapitalanlage sehen. Zehn Wochen pro Jahr können diese die Häuser oder Wohnungen selber nutzen; die restliche Zeit sollen die Objekte von Novasol vermarktet werden. 3.000 Betten soll der Marissa-Ferienpark nach Fertigstellung haben und 500.000 Übernachtungen jährlich.

Aus Sicht der regionalen Wirtschaftsförderung sind die dänischen Investoren ein Glücksgriff. "Das ist eine Chance, die sucht ihresgleichen", sagt Detlef Tänzer, der beim Landkreis Diepholz Fachdienstleister für die Kreisentwicklung und auch Geschäftsführer der Naturpark Dümmer und der Dümmer-Weserland-Touristik ist. "Jede Region würde sich über ein solches Interesse eines Investors freuen." Die neuen Gäste belebten die Mittelzentren der Gegend, in Diepholz, Vechta und im benachbarten Ostwestfalen.

Auch das Wirtschaftsministerium in Hannover sieht das derzeit größte Tourismus-Investment in Niedersachsen positiv. Das Projekt steigere die Attraktivität des Standortes und habe positive Auswirkungen auf Wertschöpfung und Beschäftigung.

"Wir haben die FFH-Gebiete und die Vogelschutzgebiete, die Region ist ein Geheimtipp für den Wiesenvogelschutz, und vom Image her sind wir dafür eine Top-Adresse in Nordwestdeutschland geworden, aber von diesem Image alleine kann man nicht leben", sagt Tänzer. Mit dem Naturschutz - wenn man so will dem Markenkern der Dümmer-Region - sei der Ferienpark zu vereinbaren.

Bernd Averbeck, Vorsitzender des Naturschutzbundes (Nabu) Dümmer, begegnet dem Vorhaben mit Ablehnung. Die riesige Anlage mit vierstöckigen Gebäuden sehe hässlich aus, sagt der altgediente Naturschützer. "Die Landschaft wird völlig entwertet." Er ist skeptisch, ob wirklich die Massen an Touristen an den Dümmer kommen, verweist auf gescheiterte touristische Investitionen in der Vergangenheit und auf Leerstände. "Wer sich wirklich für Natur interessiert, will der in ein solches Ghetto ziehen?", fragt er bewusst provozierend.

Jetzt schon gebe es oft Konflikte zwischen den Touristen und dem Naturschutz, sagt Averbeck. Der Dümmer habe wegen der Nährstoffeinträge durch die Hunte ein Algenproblem, was im Sommer oft zu Badeverboten führe. Gerade an Wochenenden sei es jetzt schon sehr voll auf den Dümmer-Deichen. Wenn noch mehr Touristen kämen, werde der Druck auf die Naturschutz-Flächen immer größer. Auch heute schon gebe es Gäste, die sich nicht verbieten lassen wollten, in die geschützten Brutgebiete zu gehen. "Eigentlich bräuchten wir einen Ranger", sagt Averbeck. Segler und Kite-Surfer würden sich nicht an die Vogelschutzzonen am Gewässerrand halten, fürchtet er: "Die Vögel sind dann weg."

"Ich sage erst einmal nicht, das ist eine Gefahr für die Natur, sondern das ist eine Chance für die Region", sagt hingegen Tänzer. Man müsse sehen, wie viele neue Gäste tatsächlich kämen. "Wenn wir dann in die Verlegenheit kommen, dass wir etwas regeln oder ändern müssen, Besucherlenkung betreiben müssen, dann ist vieles richtig gemacht worden und wir haben ein Luxusproblem."

(dpa)