Schmuckstein

Bernstein - An der Nordsee gibt's viel "Ostseegold"

Bernstein fasziniert seit Jahrtausenden. Schon die Steinzeit-Menschen wurden von seiner Schönheit angezogen. Jahrtausendalte Schmuckstücke sind im Bernsteinmuseum St. Peter-Ording zu sehen.


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 (Foto: picture alliance/dpa)

Für Boy Jöns ist St. Peter-Ording der "bernsteinigste Ort in Deutschland". "Wir haben eine Bernsteintradition, die sich nicht hinter Ostpreußen verstecken muss." In seinem Museum zeigt er baltischen Bernstein, der von Menschen vor 10.000 bis 14.000 Jahren bearbeitet wurde. Die Mineralogin Martina Rüter nennt das fossile Harz einen "Stein mit organischem Ursprung". "Bernstein ist seit Jahrtausenden im Alltag begehrt", erklärt Alexander Gehler vom Geowissenschaftlichen Museum der Universität Göttingen.

Der baltische Bernstein entstand vor 40 bis 50 Millionen Jahren in den moorigen Mischwäldern Südskandinaviens. Es ist das Harz einer Kiefernart aus dem Tertiär, dem Zeitalter der Säugetier-Entwicklung. Er ist nur wenig härter als Gips schwimmt in Salzwasser.

Der sagenhafte Fluss "Eridanos", den kein Mensch gesehen hat, als er durch das heutige Gebiet der Ostsee strömte, schleppte den Bernstein vor 30 Millionen Jahren in den Bereich der heutigen Danziger Bucht, erzählt Bernstein-Experte Boy Jöns. Dort werde heute so viel Bernstein gefunden wie an keinem anderen Ort der Welt. In Jantarnyj, dem ehemals ostpreußischen Palmnicken, wurden teilweise über 500 Tonnen pro Jahr industriell in einem Bergwerk gefördert. Kein Vergleich zu Deutschland, wo nur an den Stränden gesammelt wird. "An den bundesdeutsche Küsten von Borkum bis Sylt und von Flensburg bis zur Insel Usedom findet man in guten Jahren 200 bis 300 Kilogramm", sagt Boy Jöns. Die "Hotspots" des Bernsteins seien in der Nordsee St. Peter-Ording auf der Halbinsel Eiderstedt sowie in der Elbmündung Neuwerk vor Cuxhaven, und in der Ostsee Fischland-Darß-Zingst und Hiddensee. Ansonsten gebe es keinen Strand, der sehr fündig ist, sagt der "Bernstein-Mann".

Der Bernstein hat Boy Jöns das ganze Leben über begleitet. Die Erinnerung an das "erste Mal" liegt bei ihm fast 50 Jahre zurück. "Ich war noch sehr klein, mein Vater nahm mich mit vorne auf dem Lenker seines Vespa-Rollers zum Bernstein-Suchen auf der Sandbank. Dann kam ein Flieger. Vater winkt, der wackelt mit den Flügeln - die kannten sich - und landet auf der Sandbank. Die beiden schnacken drei Sätze, dann erzählt er, er habe viel Bernstein gesehen, draußen, am Norderoogsand, Süderoogsand, und Jarpsand. Wir sind dann zu ihm gestiegen und haben mit dem Flugzeug Bernstein gesucht. Gefühlt nur zwei bis drei Meter über dem Sand. Wenn es funkelte, sind wir gelandet. Ich glaube, wir haben einen Fünf-Liter-Eimer voll mit gebracht. Es kam ja keiner hin auf die Außensände."

"Der Bernstein in Nord- und Ostsee ist ein endliches Vorkommen, aber es ist so riesig, dass wir das Ende nicht erleben werden", sagt Boy Jöns. Und das schon sehr lange. Die Bernsteintradition in St. Peter-Ording ist Jahrtausende alt, wie Strandfunde belegen. Das älteste Fundstück in seiner Ausstellung ist vor 14 000 Jahren bearbeitet worden. Es ist ein Anhänger kaum größer als ein Zwei-Euro-Stück, mit einem Loch fürs Lederband. Der Bernstein sei mit einem Keilstein-Bohrer bearbeitet worden. Metall-Bohrer gab es erst ab der Bronzezeit. "Ich kenne keinen Handwerker, der sagen kann, ich hab in der Vitrine eine Kollegenarbeit, die 14.000 Jahre alt ist."

Ein weiteres kostbares Stück ist ein Bernsteinbär, 7.000 bis 8.000 Jahre alt und etwas größer als ein Fingernagel. "Ein Strandfund aus St. Peter-Ording, der bei der Olympiade 1972 in Kiel ausgestellt wurde als ältester Schleswig-Holsteiner", sagt Boy Jöns.

Und zeigt gleich auf ein weiteres historisches Unikat: Die misslungene Arbeit eines Handwerkers. Er wollte ein Loch durch den Bernstein bohren, und einen Millimeter vor Schluss knackt dieser Stein kaputt. "Ich kann mir das bildhaft vorstellen, wie er alles wütend unter die Werkbank warf", sagt Jöns. Der Metall-Bohrer steckt noch heute in dem Bernstein. Eine metallurgische Untersuchung habe ergeben, dass der Bohrer aus der Zeit um Christi Geburt stammt. "Ein Stück, das vor 2.000 Jahren nichts geworden ist."

(dpa)