30. Juni 2020 –

Interview

Bringt die Mehrwertsteuersenkung Euch wirklich einen Mehrwert?

Von heute an wird die Mehrwertsteuer sechs Monate lang von 19 Prozent auf 16 Prozent bzw. von 7 Prozent auf 5 Prozent gesenkt. Aber bringt die Senkung der Mehrwertsteuer wirklich etwas? Wem nutzt sie? Das haben wir Horst von Buttlar, Chefredakteur des Wirtschaftsmagazins "Capital", gefragt. 

Foto: picture alliance/dpa

Antenne Niedersachsen: Herr von Buttlar, ab heute, 1. Juli, tritt die Senkung der Mehrwertsteuer in Kraft, die die Bundesregierung aufgrund der Coronakrise beschlossen hat. Was haben wir Kunden von der Senkung?

Horst von Buttlar: Ökonomen haben das mal ausgerechnet: Es gibt eine Faustformel, laut der Singles eine monatliche Ersparnis von 20 Euro haben. Es kommt also ein bisschen was rum, wenn die Mehrwertsteuersenkung denn tatsächlich auch weitergegeben wird.

Antenne Niedersachsen: Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) hat den Einzelhandel aufgefordert, die Steuersenkung an die Verbraucher weiterzugeben, allerdings können die Geschäfte dazu nicht gezwungen werden, da sie gesetzlich nicht dazu verpflichtet sind. Warum überlegen einige Unternehmen, die Senkung nicht weiterzugeben?

Horst von Buttlar: Also für normale Unternehmen ist die Mehrwertsteuer ein Durchlaufposten, von dem sie nicht direkt profitieren. Wenn ein Händler die Senkung bei seinen Preisen allerdings nicht weitergibt, kann er das als Marge behalten und profitiert davon.

Antenne Niedersachsen: Gerade Gastronomiebetriebe, die durch die Coronakrise in Schieflage geraten sind, könnten davon profitieren, wenn sie die Mehrwertsteuersenkung nicht weitergeben. Im Gegensatz dazu haben die großen Discounter und Supermarktketten bereits angekündigt, die Mehrwertsteuersenkung weitergeben zu wollen. Wo profitieren wir Kunden besonders von der Senkung?

Horst von Buttlar: Ich glaube, wir werden die Senkung alle ganz unterschiedlich spüren. Bei einem Einkauf im Supermarkt reden wir tatsächlich nur von ein paar Cents, die eingespart werden. Bei einem klassischen Einkauf von rund 30 Euro sind das circa 60 Cent. Bei größeren Anschaffungen ist mehr Ersparnis drin. Wenn wir uns ein Auto von rund 30.000 Euro kaufen, sind das in etwas 750 Euro, die ich spare. Oder wenn jemand seine Küche oder sein Bad renoviert und der Handwerker schreibt beispielsweise eine Rechnung von 10.000 Euro. Da kommen dann noch 1.900 Euro Mehrwertsteuer drauf. Bei 16 Prozent Mehrwertsteuer wären das nur noch 1.600 Euro . Und ich hätte eine Ersparnis von 300 Euro.

Antenne Niedersachsen: Welche Branchen werden von der Senkung profitieren?

Horst von Buttlar: Ich denke, dazu zählen alle Branchen, die stark auf Konsum ausgerichtet sind, also Handel und Gastronomie. Aber das wird nur den Unternehmen gelingen, die es schaffen gleichzeitig mit der Senkung auch eine gute Werbebotschaft in den Köpfen der Kunden zu platzieren. Denn das ist das Kernproblem: Die Blockade der Menschen im Kopf. Die Menschen möchten noch nicht shoppen gehen. Es macht keinen Spaß einen Einkaufsbummel mit Maske zu machen. Viele Ökonomen sagen auch, dass den Menschen durch die Senkung der Mehrwertsteuer die Angst vor dem Einkaufen nicht genommen wird. Die Unternehmen, denen es jetzt gelingt, eine geschickte Botschaft zu platzieren, werden die Gewinner sein, weil sie vielleicht wieder mehr Umsatz machen und mehr Menschen in ihre Geschäfte locken können.

Antenne Niedersachsen: Danke für das Gespräch, Herr von Buttlar!

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