21.09.2012
Interview

Johannes Kneifel: Vom Neonazi zum Pastor

Als jugendlicher Skinhead schlägt er einen Menschen tot, jetzt wird er Pastor. Sein Abgleiten in die rechte Szene und den schweren Weg zurück beschreibt Johannes Kneifel in seiner Autobiografie.

Die Tat sorgte weit über die Lüneburger Heide hinaus für Entsetzen: Zwei jugendliche Skinheads schlagen 1999 im Alkoholrausch einen Mann tot, der sich offen gegen Rechts ausspricht. Einer der Täter von damals macht heute erneut Schlagzeilen. In der Haft rückt er von der rechten Szene ab, studiert Theologie, demnächst wird er als Pastor arbeiten. Dahinter aber liegt ein langer und schwerer Weg. Diesen zeichnet Johannes Kneifel in seiner jetzt erschienenen Lebensgeschichte "Vom Saulus zum Paulus" (Verlag Wunderlich) nach.

Am Anfang ist von einem "Denkzettel" die Rede, den der 17-Jährige mit einem Kumpel dem im Heideort Eschede nur als "Hippie" bezeichneten späteren Opfer verpassen will. "Mensch, hör doch auf mit dem Scheiß", soll der Mann seinem Kumpel wegen dessen rechten Gebarens gesagt haben. Aufgeputscht von rechter Musik treten die zwei die Türe des 44-jährigen Peter Deutschmann ein. Kneifel tritt mit seinen Springerstiefeln zu, bis sein Begleiter ihn wegzerrt. Am nächsten Tag ist Deutschmann tot. Fünf Jahre Jugendhaft bekommt Kneifel für die Gewaltattacke.

Voll Selbstmitleid in der Untersuchungshaft

Johannes Kneifel Von einer "Dummheit", einem "Albtraum" spricht der geläuterte Nazi zu Beginn seines Buchs. Als er in Untersuchungshaft wandert, beschreibt er sich voller Selbstmitleid als "Abschaum", in dem alle nur noch den "brutalen Mörder" sehen. Das Hinterfragen seiner Tat, der Blick auf das Opfer, die Auseinandersetzung mit seiner rechten Gesinnung folgen in dem Buch erst in Etappen - der Wandel Kneifels aber wirkt dadurch umso glaubhafter. Zunächst schildert er seine schwierige Kindheit: Die Mutter ist durch eine schwere Krankheit zunehmend behindert, der Vater arbeitslos - er fühlt sich isoliert.

Was treibt einen junge Menschen in die Fänge der Neonazis? Fehlende Anerkennung, scheinbare Perspektivlosigkeit sind es bei Kneifel, der im Bus auf der Fahrt zum Gymnasium ersten Kontakt zu rechten Sympathisanten bekommt. Auf Partys folgt dann der Anschluss an rechtsextreme Kreise - zum Skinhead-Outfit gesellen sich massiver Alkoholmissbrauch und Ausländerhass. Dieser löst sich in der Haft in Luft auf, wo Kneifel sehr viel mit Ausländern zu tun hat. Diese stehen ihm bei - anders als andere Rechte, mit denen er hinter Gittern in Berührung kommt.

Einblick in größte Jugendstrafanstalt Deutschlands in Hameln

"Mir wird immer klarer, dass mein Glaube an Kameradschaftlichkeit und Freundschaft innerhalb der Szene ein naiver Irrglaube war. Ich durchschaue mehr und mehr, was wirklich dahintersteckt", erkennt Kneifel. "Die Frage, ob ich weiterhin in der rechten Szene bleiben soll, hat sich für mich erledigt."

Johannes Kneifel Kneifels Buch dreht sich nicht nur um den Weg in den Rechtsradikalismus und zurück, um die Annahme von Schuld und Strafe - es liefert zugleich auch einen detaillierten Einblick in den Alltag von Deutschlands größter Jugendhaftanstalt in Hameln. Der Besuch des Gottesdienstes dort bringt ihn mit Christen in Kontakt, die ehrenamtlich hinter Gittern aktiv sind. Etwas weltfremd und naiv findet er sie zunächst, später springt der Funke über. Nach seiner Entlassung hilft die evangelisch-freikirchliche Gemeinde ihm ins Alltagsleben zurück. Nach dem Fachabitur stellt Kneifel dann die Weichen: Er will Pastor werden. Sein Studium am Theologischen Seminar Elstal bei Berlin hat er inzwischen fast abgeschlossen.

So beeindruckend der Weg vom Skinhead zum Pastor ist, so ernüchternd ist indes das Schicksal des zweiten Täters. Während Kneifel bei der evangelischen Kirche regelmäßiger und überzeugender Gast bei Veranstaltungen gegen Rechtsextremismus ist, gibt es gegen seinen Kumpel von einst nach der Haftentlassung serienweise weitere Strafverfahren wegen schwerer Gewalttaten. Er wird zu einer bekannten Größe in der rechten Szene.

Fotos: ekn / dpa

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